Unlängst begegne ich wieder einmal einer Person, die, sagen wir es einmal so, charakterlich zweifelhaft ist, was sämtliches Interesse meiner Person an ihr auf Null setzt. Sie gehört eben zu den Menschen, die glauben, dass „äußere Schönheit“ reicht.

Nein, tut sie nicht. Definitiv nicht.

Und da kommt mir doch glatt eine der Epsioden aus dem reicher werdenden Schatz meiner Erinnerungen in den Sinn, wo ich – damals noch zutiefst halbwüchsig – einer Person begegnet bin, die um Dimensionen schlimmer ist:

Die Techno-Tussi

Ich weiß nicht mehr genau, wo und wie ich an sie gerate – die Sache ist heute, zum Zeitpunkt des Niederschreibens dieser Geschichte immerhin schon mehr als zehn Jahre her – aber ich kann mich noch ungefähr daran erinnern, wie das Mädel ausschaut: Schwarz- und langhaarig, nicht zu groß, nicht zu klein, und eigentlich eine verdammt fesche Katz. Freut sich, sich einmal einen Typen aufgerissen zu haben, der anders ist als ihre üblichen Freunde, und prompt schleppt sie mich hierhin und dorthin, um mich herumzuzeigen, und damit anzugeben, ach welch außergewöhnlichen Kerl sie sich da aufgerissen hat.

Das Problem dabei ist aber, dass mir die Sache keinen Spaß macht. Dementsprechend verhalte ich mich wohl auch, denn meine weibliche Begleitung bekommt das mit. Niemals vergesse ich den vorwurfsvollen Ton, als sie sagt: „Alle haben Spaß, nur du nicht.“

Was soll ich da darauf sagen? Die Musik is für'n Oasch, die Leut sān für'n Oasch, die Drogen sān für'n Oasch, und mei Oide is a depperte Tussi? Wie auch immer, sie – ganz normaler = in unverrückbaren Normen denkender Mensch – lässt sich davon nicht unterkriegen, und geht programmgemäß vor, denn nach den Punkten Aufreißen, auf Festeln gehen, Spaß haben, kommt eben der letzte Punkt, und der lautet: Sex. Und da auch hier gewisse Normen und Regeln gelten (müssen), kommt folglich eine tiefgründige Frage: „Du sag einmal, wenn's dann soweit ist, du, sag einmal – wer ist dann eigentlich oben und dann unten?“

Wås???

Ich bin selten in meinem Leben um Worte verlegen. Zum damaligen Zeitpunkt bin ich es, und schaue meine Begleitung nur ungläubig an. Sie dann darauf, naja, wenn's dann soweit ist, dann müssen wir das schon vorher geregelt haben, weil, sonst kennt sich ja keiner aus, nicht wahr? Nein, das kann in der Tat nicht wahr sein, und niemals vergesse ich dann die Wandlung, die mit ihr vor meinen Augen passiert, denn die eigentlich recht fesche Katz wird für mich – immer schiacher und schiacher… Was ich vormals als Mandelaugen wahrnehme, wird zu einem Scherngler, was mir kurz zuvor noch als drall erscheint, wird aufeinmal aufgedunsen, eine wilde Frisur wird zu einer strähnigen, et cetera. Und aus der schönen Frau ist eine hässliche geworden. Einfach so. Weil ich auf einmal mehr sehe als nur die Oberfläche.

Ich weiß nicht mehr, wie genau ich es mache, sie so schnell wie möglich loszuwerden, auf jeden Fall bin ich keine fünf Minuten später erstens draußen aus dem Lokal und zweitens um eine wichtige Erfahrung reicher, nämlich um die, dass Schönheit zwar nicht ausschließlich, aber doch zu einem guten Teil von Innen kommt.

In späteren Jahren soll sich diese Erfahrung immer wieder bestätigen, dass die Art und Weise, wie man einen Menschen annimmt, viel dazu beiträgt, wie man einen Menschen wahrnimmt.

Es macht den Unterschied zwischen oberflächlicher und wahrer Schönheit aus.