Von Buben und Mädchen

Manchmal, da kommt es vor, dass man etwas ganz bestimmtes einmal machen will. Ich zum Beispiel habe vor, jetzt endlich diese eine Funktion zu schreiben, die mir für ein Projekt fehlt, das ich schon seit Jahren fertig kriegen möchte. Und diesmal, diesmal werde ich mich nicht ablenken lassen, von niemandem – auch nicht von meinen Kindern.

Und da die Große ja im Nachmittagsunterricht ist, ist nurmehr der Kleine da und meine bessere Hälfte. Eine ideale Gelegenheit also, die Sache, die ich vorhabe, durchzuziehen, und ich werde mich von nichts und niemandem abbringen lassen. Und sollte mein Bub jetzt mit irgendwas kommen, so werde ich ihn an seine Mutter verweisen, und aus.

„Papa, Papa! Die Mama ist ja ein Mädchen!“, kommt er aufeinmal ganz entsetzt angewuselt. Und findet damit genau die eine Möglichkeit, mich davon abzuhalten, ihn tatsächlich an seine Mutter weiterzuverweisen.

Ein Mädchen! Das klingt richtig nach Entsetzen. Was ist geschehen? Es stellt sich heraus, dass seine Mutter die Gelegenheit der relativen Kinderfreiheit ausgenutzt hat, sich einmal ausgiebig die Körperbehaarung abzurasieren. Auch in ihrem Intimbereich (was ihr Gespons garnicht attraktiv findet, aber sei's drum. Das eine Mal in ein paar Jahren, wo sie dann sowieso mir wieder auf die Nerven geht mit vonwegen wie ungewohnt (weiblich für: unangenehm) sie das findet, werd ich auch noch verkraften). Und da wir die Badezimmertür nicht zusperren, wenn wir uns brausen, ist mein kleiner Sohn eben ins Bad, sich die Hände zu waschen nach dem Klogehen, und da sieht er meine Holde, die sich gerade abtrocknet. Nackt. Haarlos. Ja, und als er das so sieht, da trifft ihn die Erkenntnis wie ein Faustschlag: Die Mama schaut unten genauso aus wie seine große Schwester, sie ist also unzweifelhaft – ein Mädchen! All das entnehme ich dem, was er mir aufgeregt erzählt.

Der arme Kleine! Das muss ein Schock für's Leben sein. Er mag nämlich seine Mama sehr, er ist ganz vernarrt in sie, und jetzt, da kommt er drauf, dass sie ein Mädchen ist… Und Mädchen, die kann er – eventuell mit Ausnahme seiner Schwester – nun überhaupt nicht leiden.

Ich könnte jetzt sagen, dass der Umstand, dass kleine Buben kleine Mädchen einfach nur „blöd“ finden, der natürliche Grundzustand des Umgangs der Geschlechter untereinander ist, und erst der erwachende Sexualtrieb macht dann leider all dies zunichte; aber das stimmt nicht, denn kleine Kinder finden leicht etwas blöd, was anders ist als sie selber. Und da das Geschlecht eines Menschen ein zentraler Teil der eigenen Identität ist, und Buben und Mädchen eben verschiedenen Geschlechtern angehören und auch schon in diesem Alter, ungeachtet jeder Erziehung, in bestimmten Bereichen anders funktionieren, ist es nichts Besonderes, dass kleine Buben gegen kleine Mädchen eben eine Abneigung haben.

Und nun ist seine Mama, seine Mama, die er so über alles liebt – mich natürlich ausgenommen – ein, ein, naja, ein, ein… Mädchen! Igitt!

„Ja sicher“, sage ich, „Frauen sind Mädchen, die erwachsen sind. Wenn sie älter werden, wachsen ihnen dann noch Brüste und runde Hüften, aber im Grunde genommen ist es dasselbe, wie dass Buben, wenn sie anfangen, erwachsen zu werden, eben einen Bart bekommen und eine tiefe Stimme.“ „Die Mama ist also wirklich ein Mädchen“, meint er enttäuscht. „Nicht ganz, die Mama ist eine Frau, und Frauen sind Mädchen, die erwachsen geworden sind, das ist nicht ganz dasselbe.“ „Aha“, meint er, aber die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich bemerke, dass in den darauffolgenden Tagen sein Verhältnis zu seiner Mutter nicht mehr ganz so ist wie früher, es ist abgekühlt. In seiner Entwicklung hat er einen weiteren Schritt gemacht. Und natürlich tut es mir irgendwie auch Leid, dass er wieder einen Schritt von uns Eltern weg, einen Schritt zu sich selber und einer eigenen Identität hin, gemacht hat, aber das ist eben der Lauf der Dinge. Auf mich als Vater kommt damit eine steigende Bedeutung zu, da er von seiner Mutter, also von der, die ihn geboren und gesäugt hat, jetzt abrückt und anfängt, sich mit dem Elternteil, der demselben Geschlecht angehört wie er selber, mit mir also, verstärkt zu identifizieren. Die Verantwortung, die ich damit übernehme, ist natürlich enorm, weil ich genau weiß, dass er einen wichtigen Teil seines eigenen Selbstbildes jetzt verstärkt von mir ableiten wird, aber auf der anderen Seite… es bietet auch Möglichkeiten.

Tja, meine beste, und einzige Mutter meiner Kinder, jetzt kommt die süße Rache. Jetzt kommt die Wahrheit über euch Frauen, ganz egal ob groß oder klein. Jetzt wird er eher auf mich hören, und nicht mehr auf euch. Mir fällt hier ein Gespräch zwischen Mutter und Töchterchen ein: „Du, Mama, warum haben die Buben eigentlich ein Zumpferl? Ich mein, das ist doch ur unpraktisch.“ „Das ist ein Griff, zum Wegschmeißen.“ „Und warum haben Männer dann größere Zumpferln als Buben?“ „Weil sie schwerer sind und man einen größeren Griff braucht…“

Hat die ganze Rasieraktion wenigstens irgendwas Gutes gebracht. Es ist einer der Streitpunkte, die unter die Kategorie „unnötige Kleinigkeiten“ fallen. Was sie natürlich dazu prädestiniert, von der weiblichen Psyche als Aufhänger für größere Konflikte missbraucht zu werden, aber lassen wir das. Ich persönlich finde es ja pervers, auf die eigenen Geschlechtsteile mit einem Messer loszugehen, und außerdem sieht es beschissen aus und muss sicher höllisch jucken, wenn es nachwächst. Außerdem stimme ich meinem Buben hier vollkommen darin zu, dass dadurch Frauen wie Mächen ausschauen, was mich als absolut nicht pädophilen Menschen eindeutig abregt, aber wenn sie meint.

Das CGI-Binary für die Seite auf meinem Webserver habe ich natürlich nicht fertig geschrieben. Ich mache es irgendwann, dann, wenn ich Zeit, relative Ruhe und das Glück habe, dass meinen Kindern nicht genau das einfällt, was es mir verunmöglicht, ihnen einmal nicht zuhören zu müssen.