Cody

Ein junger Mann, mental labil, will seine – ebenfalls sehr emotionale – Freundin beeindrucken, und nimmt sich vor, bei einem Schießstand einen Preis für sie zu gewinnen. Er versagt, und die beiden streiten. Am nächsten Tag kehrt der labile junge Mann zum Schießstand zurück und kauft dem Standler einen riesigen Teddybären ab, um seiner Freundin dann zu erzählen, er hätte ihn gewonnen, was sie aber durchschaut, und ihm – nicht ganz unberechtigt – Vorwürfe deswegen macht, ein halbes Monatsgehalt ausgegeben zu haben, aber ihren Freund dazu bewegen, den Bären zurückzubringen, will sie nicht. Er ist, und daran gibt es keinen Zweifel, mental labil. Der Teddybär bleibt, aber weil weder er noch sie ihn sehen wollen, wird er, liebevoll verpackt, im Keller deponiert.

Die Jahre vergehen.

Zwischen den beiden labilen jungen Leuten wachsen Kinder heran. Diese haben in ihren Eltern nur wenig Rückhalt. Als der alleinerziehende Vater des Mannes irgendwann stirbt, verliert dieser endgültig die Kontrolle über sein Leben, und reißt seine Freundin mit in den Abgrund, auch wenn dazu wahrlich nicht viel gehört. Die Kinder werden älter, gehen ihre eigenen Wege, auf dunklen Pfaden, eines davon macht sich eines Tages auf, zu sterben. Als es die Augen wieder öffnet, glüht die Kraft eines Dämonen in seiner Seele…

Viele Jahre später, Jahrzehnte später, ist all dies längst vergangen, und das emotional immer noch labile Paar freut sich über seine ersten Enkelkinder, und der stolze Großvater schaut mitsamt seinem ältesten Spross den Keller durch, um vielleicht irgendetwas zu finden, dass er seinen Enkerln geben kann. „Papa, was in aller Welt ist das? … Warum rennst denn davon?“

Mein alter Herr ist nicht geneigt, auch nur ein Wort über das riesige Unding in Teddybärform zu verlieren, das da, als Wanderer durch die Zeiten, in seinem Keller sitzt. Ohne mich zu verabschieden, nehme ich es mit, und bringe es meiner Gefährtin nach Hause. „Ist das das, was ich glaube, dass es ist?“, meint diese verwundert, als sie ein staubiges, dreckiges Etwas sieht, das im Vorzimmer auf dem Boden sitzt, und von mir mit einer Schere vorsichtig von seiner Verpackung befreit wird, und tatsächlich: es ist ein einen Meter großer, dicker, gemütlich wirkender – Teddybär. Vollkommen neuwertig, überhaupt nicht schmutzig, aus Seidenpapier, Zeitungspapier und dann zwei Schichten Kunststoff befreit, in denen er die Zeiten überdauert hat, ein gemütlicher, dicker Kerl, mit freundlichen Augen. Am Tag darauf wird meine Kleine mit dem Bären bekannt gemacht. Sie sitzt also da auf der dicken Spieldecke, sitzt auf ihrem Windelpopo, und ihr gegenüber ein Teddybär, der größer ist als sie, und sie sitzt da, mit großen Augen, und sagt nur ein Wort: „Kooohdieeh!“

Auf diese Weise kommt also „Cody“ in unsere Familie, ein ein Meter großer, dicker, freundlicher Teddybär, der von Töchterchen (und später dann Söhnchen) als vollwertiges Familienmitglied gewertet wird, auch wenn es mich in späteren Jahren irrsinnig fuchst, dass ich einmal im Flugzeug sogar eine zusätzliche Karte für ihn kaufen muss, weil sich das Personal weigert, den Bären als Handgepäck durchgehen zu lassen, wenn er nicht im Frachtraum transportiert wird. Was nicht annehmbar ist, wie meine Kinder mir zu verstehen geben, weil er sonst erfrieren würde. „Das is der Cody“, klärt mein kleiner Sohn den staunenden chinesischen Geschäftsmann auf, der im Flieger neben ihm sitzt, „der Cody ist eine Persönlichkeit. Der hat sogar sein eigenes Ticket.“ Der nette Herr versteht ihn nicht, und mein Bub zieht die Tickets heraus und zeigt mit den Fingern auf sich, das Ticket, sagt, „ich“, und dann auf ein anderes Ticket, und den Bären, und sagt, „Cody“. Der Chinese lächelt freundlich, während ich auf der anderen Seite des Mittelganges neben Frau und Tochter sitze und mir ausrechne, wieviele Arbeitsstunden Gehalt so ein Ticket wohl kosten möge. Als wir schließlich in Peking aussteigen, kommt der Herr auf mich zu, und zeigt mir ein Bild von offensichtlich sich selbst, seiner Frau, und seinen Kindern. Eines dieser Kinder hat ganz unverkennbar ein Stofftier im Arm. „But not big as Cody“, meint er, „not need own ticket. I am lucky.“ Wem sagst du das…?

Doch auch diese Zeiten sind schon lange vorbei, meine eigenen Eltern schon lange gegangen, und auch Arbeitsstunden sind nichts mehr, um das ich mir Sorgen machen brauche. „Papa“, meint meine Tochter zu mir, „nun, es geht um … Cody. Wie alt ist der eigentlich?“ Und in der Tat, es stellt sich heraus, Cody hat mehr als ein Dreivierteljahrhundert auf dem Buckel. Er hat meine Kinder begleitet, deren Kinder, doch nun löst er sich auf. Die paar chemischen Reinigungen, die notwendig geworden sind im Dienst des Heranwachsens kleiner Menschen in große, und unzählige Stunden Spiel – ganz zu schweigen von der Reise nach China – haben ihren Tribut gefordert. Cody ist irreperabel beschädigt, keine Naht hält mehr, selbst die neuen Augen, die ich selber damals einsetze, glänzen nicht mehr, das Fell hat diese Bezeichnung kaum noch verdient, man kann machen, was man will, mit Cody ist es vorbei. „Kinder“, sage ich vor versammelter Familie zu meinen ebenfalls schon fast erwachsenen Enkelkindern, „ich glaube, eure Kinder werden nicht mehr mit Cody spielen. Er ist einfach schon zu kaputt, alsdass es noch Sinn machen würde.“ „Dann sollten wir ihm auch ein entsprechendes Ende bereiten“, meint einer meiner Enkelsöhne, „schließlich – ist er ja nicht irgendein Teddybär. Er ist eben Cody.“

Unbedarfte Spaziergänger sehen also mit an, wie ein Haufen eigenartiger Leute eines Nachts auf einem Grillplatz nahe eines abgelegenen Hafengeländes ein riesengroßen, abgewetzten Teddybären auf den Griller setzen, und ein junger Mann – Freund meiner Enkelin – ihn mit Lösungsmitteln tränkt. „Seids ihr total wahnsinnig?!“, entsetzt sich ein Passant, „ja selbstverständlich sind wir das!“, fährt meine Tochter ihn an, „siehst du dieses uralte Fossil auf zwei Beinen da drüben?“ „Tochter, ich liebe dich auch heiß…“ „Der Bär“, ignoriert meine Tochter ihren Vater, „ist älter. Es ist mehr als nur ein Spielzeug, und hat verdammt noch einmal Respekt verdient! Für Generationen trocknet dieser Bär Kindertränen, ist ein Freund, hört sich alle Probleme von Hausübungen bis zu Liebeskummer an, und ist immer da, wenn er gebraucht wird, und wird verdammt noch einmal nicht einfach weggeworfen. Und wennst ein Problem damit hast, kommst mit auf den Griller.“ Der Passant sucht das Weite, und findet es alsbald.

„Geht's lieber noch ein bisserl zurück“, meint der Freund meiner Enkelin, und wir vergrößern den Abstand zu dem Ort, an dem Codies Seele, nach vielen Jahrzehnten in unserer Familie, … nein, Blödsinn, er ist trotz allem kein lebendes Wesen, aber eben auch nicht einfach nur irgendeine Sache.

Die Zündschnur brennt ab, das Lösungsmittel entzündet sich, und der dicke, alte Cody vergeht in einem Meer aus Wärme und Licht. „Warum machen wir das eigentlich nicht am Tag?“, fragt eines meiner jüngeren Enkelkinder seinen Vater. „Weil man am Tag die Rauchwolke Kilometer weit sieht, und wir uns dann eine Anzeige einfangen – eigentlich darf man das nämlich nicht.“ „Geil.“ Sag Halbwüchsigen, etwas wäre verboten, und sie werden es lieben. Doch wie auch immer:

Auf diese Weise endet das Dasein von „Cody“, eines einen Meter großen, dicken, freundlichen Teddybären. Er ist und bleibt eine Persönlichkeit, und für alle ein Gewinn. Bis zuletzt.