Der Zahn der Zeit nagt auch an Seinesgleichen

Mit Zähnen ist es so eine Sache. Wenn die Zwuckerln ihre Milchzähnchen bekommen, kauen sie an allem herum und sabbern die Wohnung zu. Aber da sind sie ja noch klein, und können nicht viel anrichten – vor allem, weil sie noch nicht reden können. Zu der Zeit nämlich, wo sie sich schon voll artikulieren können, da pflegen sich die Hundianer von Milchzähnen zu vertschüssen. Und das Theater, dass ein Kind dann aufführt, reiht sich als große Aufführung in eine lange Reihe von Vorstellungen ein im Zirkus eines langen Vaterlebens.

Wobei – so schlimm ist es ja nicht, zumindest nicht bei meiner Tochter. Die ist nämlich da recht hart im Nehmen. Als sie dereinst ihre vorderen Schneidezähne der Reihe nach verloren hat, fragt sie wie das denn ist mit dem Zähne aushauen, sitzt im Wohnzimmer und klopft sich mit der Faust ins Gebiss… und wird von ihrer Mutter zurechtgewiesen, sie möge sich die Zähne doch bitte erst nach dem Essen aushauen, sonst schmeckt alles, was sie isst, nach Blut. Soviel zu meiner Tochter.

Doch leider schaut die Sache bei meinem Buben anders aus, denn der ist, genau wie alle Vertreter seines Geschlechts, nämlich ein bisserl wehleidig wenn um Sachen geht, mit denen er keinen Eindruck schinden kann vor Anderen oder vor sich selbst.

Es ist einer der Eckzähne. Der wackelt. Und zwar ziemlich. Meiner Meinung nach ist er fast draußen, denn er hängt nurmehr an ein paar Fleischfasern, und eigentlich reicht ein Ruck, und es ist überstanden, doch haha! – das hört sich leichter an, als es ist, und zwar wesentlich leichter. „Schau, Bub“, sage ich, „ein Ruck, und der ist draußen.“ Mein Sohn sagt garnichts. Oder eher: „WAAAHUUU WAHUUUUU, AUA AUA AUA AUUUUUUUU, WAUAUAUAUAUAU WUUUUU AWU, AWU, AWUUUUUUUAUAUAUAU…“ Und so heult er und heult er und heult, während ich die Finger in seinem Mund hab. Glücklicher Weise beißt er nicht zu. Aber vielleicht würde ihm das auch zu, äh, „Weh“ tun. „Na komm schon, ein Indianer kennt keinen Schmerz“, muntere ich ihn auf. „Bin kein Indianer, AUAUAU AWUUUUUUUUUUUU!“ Und die Heulerei geht munter weiter.

Und eigentlich hat er irgendwo Recht, er ist tatsächlich kein Indianer, aber auf der anderen Seite: Bei dem Kriegsgeheul wäre sogar der stimmgewaltigste amerikanische Ureinwohner neidisch geworden. Und eigentlich könntert ich ihn ja jetzt bemitleiden oder sonst irgendwas tun, was ich aber sicher unterlassen werde, nicht zuletzt deshalb, weil – ich schon seit gut einer Minute seinen Zahn zwischen Daumen und Zeigefinger und vor seine Nase halte. Doch er ignoriert mich. „Bub“, sage ich. „AUAUAUAU WUUUUUU AUAUAUA!“ „Bub!“ „WAAAAAAA UUUUUU AUAUAUAU UHUUUUU!“ „HEAST, BUA! Siechst du net, dass der Zahn scho längst draußen ist?“, überbrülle ich sein Heulen. Er reißt seine schmerzenstränenumflorten Augen auf und sieht das kleine, unscheinbar wirkende Ding, das sein leidgeprüfter Vater vor seine Nase hält. Erschrocken lässt er einen ohrenbetäubenden Quietscher los und rennt davon, fast gegen den Türstock des Kinderzimmers rennend.

So, das wäre also überstanden.

Meine Gefährtin kommt, das weinende Kind im Arm, ins Kinderzimmer. „Was quälst du den Buben eigentlich so?“, fragt sie mich vorwurfsvoll. „Weil's Spaß macht“, gebe ich zurück. Ich werde meine Frau niemals belügen. „Hat was“, nickt sie beifällig, und fragt, „ist es endlich vorbei?“ „Ja.“ „Endlich!“, atmet sie auf.

Sollte meinem Buben wieder einmal ein Zahn wackeln, werd ich mit seiner Schwester reden. Das geht sicher schneller als meine eigene Methode.