Papa, der Ego-Killer

Irgendwann, wenn die eigenen Kinder Kinder bekommen, und diese immer älter und älter werden, stellt sich heraus, was man in der Erziehung des eigenen Nachwuchses falsch und was man richtig gemacht hat. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass es keinen Sinn macht, bei gewissen Dingen überhaupt zu versuchen, erzieherisch zu wirken, weil – das keinen Sinn macht: Genausowenig, wie es jemals jemand schaffen kann, einem Hund das Bellen abzuerziehen, wird es auch niemals Erfolg haben, gewisse Dinge bei Menschen zu probieren.

Diese zweifellos deprimierende Erkenntnis macht mir insofern nichts, da ich – immer noch – eine schwarzangezogene Gestalt bin und ein liebhaber rockiger, ja, gerazu todesbleilastiger Musik – ich mag Depressionen. Wer also jemals welche braucht: ich helfe gerne aus. Und gibt es ja auch Dinge, die sich durch Erziehung durchaus formen lassen.

Doch nicht nur ich bin eine dunkle Gestalt, sondern auch meine bessere Hälfte, die es persönlich sehr interessant findet, weiße Haare zu bekommen, da sich die angeblich viel besser färben lassen als pigmentierte, ein interessantes Thema, das mich allerdings nicht mehr trifft. Haare auf dem Kopf? Wås is des?

Doch auch meine Frau war einmal jünger, und als sie zum ersten Mal schwanger wird, konsultiere ich meinen eigenen Altvorderen, und lege mir, nach einem erhellenden Gespräch über das Wesen von Frauen im Allgemeinen und Schwangeren im Speziellen, also ein ganzes Arsenal an Beruhigungstees, Baldrianperlen, Schokoladen und anderen Mitteln zu, die in der Lage sind, die Nerven zu beruhigen – worüber sich meine andere Hälfte irrsinnig freut, und gerührt zu mir sagt: „Oh wie schön! Alles nur für mich!“ Und so liegt sie glücklich in meinen Armen und sieht deswegen den entsetzten Blick in meinen Augen nicht, denn wegen ihr, in der Tat, für sie … jetzt auch. Was bleibt mir denn schon Anderes übrig? Ihr sagen, du, Schatz, ich liebe dich über alles, aber mich selber habe ich erstens auch ganz gern, und zweitens brauchen auch werdende Väter ihre Nerven? Nix da. Ab diesem Zeitpunkt gehört das Arsenal in der Hausapotheke also meiner Frau.

Ich lerne etwas aus dieser Begebenheit, nämlich, dass man, wenn man mit jemandem kommuniziert, versuchen soll, von der anderen Seite auszugehen, und nicht von der eigenen. Eine Erfahrung, die sich als richtig herausstellt; es gibt natürlich auch Erfahrungen, die sich als falsch herausstellen, aber diese nicht: Die Zeit, als ultimative Richterin, zeigt ihre Gültigkeit.

Einer meiner Enkelsöhne, der Bub von meinem eigenen Buben, hat nämlich eine irrsinnige Computerspielphase hinter sich, aus der ihn sein Vater – mein eigener Sohn – erfolgreich herauszureißen in der Lage ist. Das dazu nötige Wissen hat er von mir. Und dazu erinnere ich mich an die längst vergangenen Zeiten, als mein Bub in dieser unsäglichen Lebensphase namens „Pubertät“ ist, die es mir unbegreiflich macht, wie es Leute dulden können, dass ihre erwachsenen Kinder immer noch in der elterlichen Wohnung bleiben, denn schon alleine für einen Bruchteil von dem, was Gschråppen aufführen in dem Alter, gehören sie eigentlich geteert, gefedert, und durch die Straßen gepeitscht.

Als mein eigener männlicher Nachwuchs sich in diesem verdammten Alter befindet, entdeckt er die Welt der Kompjuterschpihle – und ist nicht und nicht von diesem Scheißkastel wegzukriegen. „Hast du eigentlich auch als Bub soviel Zeit mit sowas verbracht?“, wundert sich die Mutter meiner Kinder. Nein. Ich nicht. Aber ich kannte Burschen, die das taten, und nein, sowas ist nicht gut. Was tu ich allerdings dagegen, dass mein Bub ganze Wochenende damit verbringt, mit virtuellen Geschoßen aus virtuellen Waffen, die er, würden sie jemals in real nachgebaut, ob ihres zu erwartenden Gewichts höchstwahrscheinlich nicht einmal mit beiden Händen aufheben könnte geschweige denn damit Fünfmetersprünge machen und Stunden lang umadumrennen – auf andere Idioten zu schießen, die ebenfalls nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Gib es auf, mein Sohn, du kannst sie nicht umbringen: Man kann Leute nicht töten, die kein Leben haben… Doch als er anfängt, nicht nur seine Wochenenden – denn das wär ja noch wenigstens irgendwie akzeptabel – für das Herumballern in virtuellen Welten zu verheizen, sondern auch erste Anzeichen zeigt, deswegen seine Ausbildung zu vernachlässigen, beschließe ich, dagegen etwas zu tun.

Computer wegsperren oder irgendwelche pädagogisch wertvollen Gespräche sind für die Fisch', was nützt es, sich damit zu brüsten, dass Leute wie ich damals „Wolfenstein 3D“ gespielt haben, den ersten 3D-Egoshooter überhaupt, und dass DukeNukem3D und Descent absolute Hammerspiele waren, an deren Spielspaß auch die ganzen modernen Dinger nicht herankommen, das beeindruckt einen Halbwüchsigen nicht, und zu versuchen, an seine Vernunft zu appellieren nützt nix, weil er kein Halbwüchsiger wäre, würde er zu Vernunft in der Lage sein. Ich beschließe also die ultimative Waffe gegen seine Spielsucht einzusetzen, nämlich – ihn dazu zu zwingen, dass er spielt:

„Warum hörst du zu spielen auf?“ „Ich will was essen?“ „Welches Ranking hast du auf dem Server?“ „Weiß ich nicht?“ „Schau, dass du gefälligst unter die besten zehn kommst.“ „???“ „Weißt du, mein Sohn“, lass ich ganz den Scheiß-Erzieher heraushängen, „du bist in einem Alter, wo man lernen muss, im Leben was zu erreichen. Und das lernt man am besten bei den Dingen, die einem Spaß machen, für die man ein Talent hat. Also zwick dich verdammt noch einmal mehr dahinter, verstanden?“ Erstaunte Blicke meines Sohnes. Meint der Alte das ernst? Tut er, und wie ernst er es meint, wird mein Kleiner nur zu bald bemerken. „Du, ich kann jetzt nicht bei euch vorbeischauen, ich bau gerade mit meinem Vatertier meinen neue Computer zusammen, er will, dass ich auf Europe-Central unter die Top-Ten komm…“, sagt er also irgendwann am Telefon. „Cooler Papa.“ „Gell?“ Und mein Sohn spielt.

Unter die besagten Top-Ten auf Europe-Central wird er es übrigens nie schaffen, denn dort – das weiß ich – spielen Leute, die wirklich teilweise die Schule abgebrochen haben, nur um mehr Zeit für diesen „Lebensinhalt“ zu haben, sowie Erwachsene, die das wie einen Spitzensport betreiben, Turniere spielen, und sogar für den Schmafu bezahlt werden. Mein Sohn weiß das nicht. Aber ich weiß es. Es sollen die härtesten vierzehn Tage in meinem Vaterleben werden.

Ich investiere in ein wildgewordenes Konstrukt aus Halbleitern, Lüftern und elektrischen Leiterbahnen Geld, für das ich eigentlich andere Verwendung hätte, stauche den Buben bei jeder sich bietenden Gelegenheit zurück in seine trauten vier Wände, und verbringe buchstäblich jede freie Minute damit, ihn anzutreiben – weiterzuspielen. „I want him in the games until he dies playing“… Tron war schon ein verdammt guter Film, auch wenn die Story mies war. Aber wenn einem ein Film auf die Nerven geht, dreht man ihn ab. Das reale Leben ist hier nicht so dankbar. Wir kelchen uns. „Aber Papa, es geht nicht!“ „Nein. Du willst nicht, das ist die Wahrheit. Gehen tut es schon. Wobei, wir müssen schauen, möglicherweise verwenden die anderen irgendwelche 3D-Helme und so, wir müssen schauen, wo wir sowas herkriegen … nein, ich mache die Nachforschungen, du schau, dass du im Training bleibst.“ „…“ „Das kannst du dir nicht leisten. Spiel weiter.“

Und eines schönen Tages, eines schönen, wunderwunderschönen, heiß herbeigesehnten Tages, da platzt meinem Buben der Kragen. „Papa“, so steht er mit finsterem Blick und verschränkten Armen vor mir (sowie einer Gesichtsfarbe, für die seine Mutter sich selbst in ihren besten Zeiten hätte schminken müssen, Anmerkung des Erzeugers) „mir reicht's.“ Ach? Wirklich? „Ich habe seit fast vierzehn Tagen meine Freunde nicht mehr im realen Leben gesehen, und borg mir gefälligst eine Kettensäge, weil die Luft in meinem Zimmer kamma mittlerweile nicht einmal mehr mit'm Messer schneiden.“ „Worauf willst du hinaus?“ Meine Unmut über seine Meldung ist echt, auch wenn nicht aus dem Grund, den er vermutet. „Ich hab kein Leben mehr, und dass du mir wirklich eine Entschuldigung schreibst, dass ich“ – er hüstelt demonstrativ – „angeblich ,krank' wär, nur damit ich an dem Scheiß-Turnier…“ Und jetzt wird er wirklich zornig: „Papa, so geht es nicht, ich fang an, meine Freunde zu verlieren, hab Probleme über Probleme in der Schul wegen den verdammten Spielen, und alles, was mein eigener Vater macht, ist mir vorzuwerfen, weil ich immer noch Rang vierundzwanzig bekleide, und nicht einmal unter den besten zwanzig auf irgendeinem Server von irgendeinem Computerspiel bin, ja, nicht einmal mehr schlafen und essen tu ich eigentlich auch nicht mehr! Mein Leben ist gerade dabei, den Bach runterzugehen, interessiert dich überhaupt meine Zukunft?“

Ich sage nichts. Ich lasse meinen Buben einfach nur meinen Zorn spüren. Er wird schon kapieren, warum ich zorning bin. Wenn auch nicht sofort.

„Weißt du, was ich jetzt mach, alter Mann, ich geh jetzt raus, mach die Fenster von meinem Computerspielkerker auf, und geh ein bissel an die frische Luft. Vielleicht treff ich mich ja mit meinen Freunden, vielleicht hau ich mir ja wieder einmal ein Wochenende um die Ohren, baba, ich bin dahin.“ „Ich habe“, grolle ich, „schon lange aufgegeben, auch nur zu versuchen, an deine Vernunft zu appellieren.“ „Blablabla!“, wischt er meinen Kommentar weg, und lässt die Wohnungstür hinter sich zufallen. Um Mitternacht ist er immer noch nicht zurück. Habe ich Angst um ihn? Ja. Die Mutter meiner Kinder steht in der Tür. Im Pyjama. Oder zumindest in dem, was sie als Pyjama verwendet. Liebevoll sieht sie den Mann an, der, die Stiefel neben sich auf dem Boden stehend, das Telefon neben sich, bereit ist, beim Anzeichen der geringsten Schwierigkeit sofort durch Nacht und Nebel zu rennen, um seinen halbwüchsigen Sohn aus jeder Schwierigkeit herauszuholen, in die er auch immer geraten sein mag. Um fünf in der Früh kommt er schließlich heim, der blöde kleine Bub, und wird von seinem Erzeuger mit Kaffee und Koffeintabletten versorgt, damit er den Schultag überlebt.

Ein paar Tage später. Er hat den Computer seit unserem Wickel nicht angerührt. Ich weiß. Ich hab ihm die Freude am Spielen ruiniert. Hoffen wir, dass es was bringt. „Papa.“ „Ja?“ „Ich glaub, ich lass das Spielen sein.“ „Deine Entscheidung.“ „Gibt Wichtigeres im Leben.“ „Wie du meinst.“ „Und, Papa…“ „Ja?“ „Das nächste Mal – red einfach mit mir. Ich kapier's auch so.“ „Ich habe mit dir geredet…“ Der Sohn überlegt. Und nickt irgendwann. „Warst du in dem Alter eigentlich genauso?“ „Ist keine Antwort auch eine Antwort?“ „Eine brauchbare.“

Leider ist auch das Antizipieren des Willens einen Halbwüchsigen kein Patentrezept, sie zu erziehen; Patentrezepte gibt es hier ja ohnehin nicht. Doch dieses hat damals bei meinem Sohn funktioniert, und, wie es aussieht, funktioniert es auch bei seinem. Das ist schön.

Und so, eine Generation später, führe ich also ein Telefonat mit meinem Buben. „Kannst dich noch erinnern, Vater?“, lacht er.

Werter Nachwuchs: Es gibt Dinge, die vergisst man nicht…