Der Firmenfriedhof

Es ist eine kalte und dunkle Nacht. Ich weiß nicht genau, wo ich bin, aber auf jeden Fall bin ich recht weit weg von zu Hause, was mein Ziel ist. Also wandere ich über einsame Felder, um einen Weg zu suchen.

Natürlich ist das vollkommen schwachsinnig, einfach so mitten in der Nacht ganz allein und ohne PDA mit W-LAN durch die Nacht zu ziehen, und ich muss ein schöner Trottel sein, um das zu tun. Vielleicht tu ich das auch nur in der Hoffnung, dass sich eine gute Kurzgeschichte daraus ergibt, aber – ach, was soll's, ich ziehe also in einer dunkelfinstergruseligen Nacht durch die Gegend, und aus!

Nach mehreren Kilometern – ich bin zwar nicht mehr ganz munter, aber dennoch noch gut bei Kräften – bilde ich mir ein, in der Ferne etwas zu sehen, was wie ein Tor aussieht. Ich gehe darauf zu. „Bresnicek & Co. KG“ lese ich darauf. Das Tor ist ein altes schmiedeisernes Tor, welches halb offen in den Angeln hängt.

Ich weiß nicht, ob die alten Scharniere ihren Dienst noch tun könnten, denn das Tor ist gewissermaßen „festgewachsen“, also von unten her so von Gras überwuchert, dass es sich nicht mehr bewegen kann. In der Ferne sieht man auf einem weitentfernten Gipfel die Shilouette eines heulendes Wolfes vor dem Vollmond.

Na gut, ich übertreibe, man sieht keinen Wolf bei Vollmond heulen, aber trotzdem ist es verdammt gruselig.

Da das Tor recht willkürlich in der Gegend zu stehen scheint, und ich annehme, dass es wohl irgendwo einen Weg zu diesem Tor geben muss, lasse ich also meinen Blick über das Gelände schweifen, während ich durch das Tor und dann weiter geradeaus gehe.

„Hoppala!“, rufe ich entsetzt aus, als ich mich fast über irgendwas dersteß, was da einfach so als Hindernis aus dem Boden ragt.

„Hier liegt die Frau Fink, unsere Buchhalterin. Die war schon zu Lebzeiten den Leuten dauernd im Weg“, lässt sich eine dünne Stimme vernehmen. Sie kommt von einem schmächtigen Mann, der sich an irgendeiner Apparatur zu schaffen gemacht hat, und mich nun ansieht. „Wo bin ich denn hier?“, will ich wissen, und der Mann sagt:

„Willkommen auf dem Firmenfriedhof der Bresnicek KEG. Darf ich eine kleine Führung machen?“

Er darf, und neugierig folge ich ihm von Grab zu Grab. „Hier liegt der Herr Dvorak, unser Controler. Der Sarg ist ein bisschen zu kurz geworden, weil der Dvorak zwar zwei Meter zehn groß war, aber gemeint hat, ein Standardsarg würde Kosten sparen, deswegen hat man dann der Leiche einfach die Unterschenkel abmontiert und zwischen die Oberschenkel gelegt. Das hat eine Verhinderung von Mehrkosten im Bereich von 350% gebracht.“ Ich bin beeindruckt. Ein Controler bis zum letzten Ende.

Mein Blick fällt auf ein eigentümliches Ding, das an einem Ende einer Gräberreihe liegt. „Also, irgendwie…“, meine ich zu meinen Führer, „schaut das Ding wie ein einbetoniertes Autowrack aus.“ „Das ist ein einbetoniertes Autowrack. Der Herr Peter, unser Fahrer, ist bei einem Autounfall gestorben. Und weil sie ihn irgendwie nicht aus dem Wrack herausgekriegt haben, haben sie einfach das ganze Ding einbetoniert. Macht sich ganz hübsch.“ Wir gehen weiter.

„Ah!“, entfährt es mir, als ich einer prächtigen Gruft gewahr werde, „dieses schöne Grab, das ist“ – ich lese den Namen auf dem Grabstein, was meine Annahme bestätigt – „der Herr Bresnicek persönlich.“ „Richtig“, wird mir bestätigt, „hier liegt der Herr Chef.“ Doch irgendwas macht mich stutzig. „Warum liegt eigentlich das Fräulein Huber in der selben Gruft, aber die Frau Bresnicek ein Grab weiter?“ Ich bekomme keine Antwort.

„Das ist ja interessant“, entfährt es mir nach der Besichtigung einiger weiterer Gräber, „da ist ja ein leeres Grab!“ „Das war die Frau Brtna, unsere Verkaufsleiterin. Sie hat rechtzeitig gekündigt.“ „Und der Herr Novak vom Marketing?“, frage ich, den Grabstein direkt daneben entziffernd. „Der nicht.“ Aha.

Ich gehe gemeinsam mit meinem Führer die Gräberreihen ab, höre dieses, höre jenes, und es wird mir immer gruseliger. Leute aus der Werkstatt mit zweigeteilten Särgen („Arbeitsunfall“), und einer, der ist sogar in einer Urne bestattet. Ebenfalls ein Arbeitsunfall, wie mir erklärt wird – nachher gab es nurmehr Asche…

Da gibt es mir einen Ruck. „Sie scheinen ja diese Leute alle zu Lebzeiten gekannt zu haben“, meine ich zu dem Mann, der mich mit stoischer Ruhe durch das Gelände geführt hat, „ja, aber sagen sie einmal, warum sind denn sie nicht tot?“ „Das bin ich“, erwidert dieser ungerührt, „Kleistner mein Name. Ich bin EDV.“ In diesem Moment erlischt die holographische Projektion, und ich erkenne, woher sie kommt: Aus einem mannshohen Serverkasten, auf welchem in OCR-A-Schrift der Name „Sebastian Kleistner“ steht.

Ich hoffe, die Geschichte hat gefallen.