Der Geist unterm Bett

Es ist natürlich so, dass Kinder kein Problem mit dem Schlafen haben, nur eins mit dem Einschlafen. Und es ist ebenfalls so, dass sie dieses Problem deswegen haben, weil sie partout nicht schlafen gehen wollen. Man tut aber seinem Nachwuchs Unrecht, wenn man ihn in ausnahmslos jedem Fall eine böse Absicht unterstellt, manchmal können sie nichts dafür.

Zum Beispiel in dem Fall, in dem ihre ureigensten kindlichen Instinkte mit ihnen durchgehen, und damit meine ich die Kindern eigene – und evolutionsbiologisch sicher sehr sinnvolle – Angst vor dem Dunkeln.

Nun hat sich die Gattung Homo sapiens diverser natürlicher Fressfeinde schon seit einiger Zeit und mit hinreichender Gründlichkeit entledigt, denn was sind schon die Klauen eines Bären, die Fänge eines Wolfes gegen ein Gewehr mit einem 12mm-Kaliber?

Allein unsere Kinder funktioneren aber dennoch immer noch nach den alten Regeln, und haben Angst vor einer Dunkelheit, die sie mit Blicken nicht durchdringen können, wodurch sie instinktiv – und ja eigentlich vollkommen zu Recht – in ihr eine Quelle möglicher Gefahr sehen.

Meine Kinder haben nun das Schicksal, gruftige bzw. rockige Eltern zu haben, die natürlich eine ganz andere Einstellung zu Dunkelheit haben als sie selber (Oh ja, und wie!), was sich auch im Umgang mit in der Dunkelheit lauernden Gespenstern, Geistern und sonstiger eigentlich nur aus Angst bestehender Wesen niederschlägt.

Kommt also unlängst meine Kleine – ihr Brüderchen schläft tief und fest den Schlaf des Gerechten, aus dem ihn wohl nicht einmal ein Bombeneinschlag reißen könnte – vorsichtig aus der Kinderzimmertür und ins Vorzimmer geschlichen. Meine Frau stupst mich an: „Da, da schleicht was.“ Na wunderbar! Die kleinen Gfraster sollen endlich schlafen!, denke ich mir, doch unser Spross hat offenbar garnicht vor, heimlich im Vorzimmer zu spielen oder sonstwas zu tun, was wir nicht sehen sollen, sondern macht sogar die angelehnte Vorzimmertür ganz auf.

„Mama, Papa“, flüstert sie, „ich hab Angst; da ist ein Geist unterm Bett…“

Und jetzt kommt etwas, mit dem sie wohl nicht gerechnet hat: „He, ein Geist! Leiwand, endlich wieder einmal ein bissel Gaude.“ „Papa???“ „Ja sicher! Geister sind immer ein Spaß. Wo isser denn?“ Gemeinsam mit meiner – verwunderten und immer noch leicht ängstlichen – Tochter schleiche ich mich in die Dunkelheit, ermahne sie noch, ja leise zu sein, sonst verschrecken wir den Geist noch, und nähere mich vorsichtig, wie eine Katze, ihrem Bett. Ich flüstere ihr zu, ich werd versuchen, den zu kriegen, und mache einen lautlosen Satz zum Bett hin, greife rasch hinein, und tappe ein bisschen herum.

Enttäucht komme ich wieder hervor. Ich mache die Kinderzimmertür dann von außen zu und sage zu ihr: „Na geh, wieder nix“, bin ich enttäuscht. „Entweder, da war keiner, oder er ist vor mir mir davongehuscht. Die haben nämlich Angst vor uns Menschen.“ „Geister haben Angst vor Menschen???“ „Ja sicher. Und weil sie sich so fürchten, versuchen sie, uns das heimzuzahlen, indem sie immer dann kommen, wenn es dunkel ist und wir nix sehen, damit sie uns auch ein bisserl Angst machen.“ Ich erkläre meinem staunenden Töchterchen den genauen Sachverhalt.

„Aber abgesehen davon einmal“, sage ich zu ihr, „ich weiß schon, warum der Geist gerade unterm Bett war: Da ist es nämlich ziemlich staubig, und es liegt viel Klumpert da unten. Vielleicht hat er gewusst, dass ich komm, und wollte dich ärgern, weil ich dir sagen werde, dass du da wieder zusammenräumen solltest. Also, morgen räumst du nach dem Kindergarten da einmal weg, kleines Fräulein, verstanden?“ Die Kleine senkt trotzig den Blick. „Blöder Geist“, brummt sie, und marschiert wieder ins Kinderzimmer zurück.

Ich glaube, der Geist hat sich hiermit gerade jemanden zur Feindin gemacht…