Gewalt

Jetzt, wo ich so da sitze, die Kinder aus dem Haus, die eigenen Eltern schon lange dahin, finde ich, dass es an der Zeit ist, eine Bilanz zu ziehen über ein Thema, dass bei Leibe kein leichtes ist: Gewalt.

Wo in der Geschichte unserer Familie kommt es vor, dass jemand handgreiflich wird?

Der markanteste Ausbruch von Gewalt passiert zweifellos, als meine Tochter, mit dreizehn Jahren, ganz offensichtlich an falsche Freunde gerät, und ihre Mutter das mitbekommt. Ich sehe heute noch, wie sie die Kleine ein paar Sachen fragt, immer eindringlicher und eindringlicher, und urplötzlich und vollkommen überraschend die Halbwüchsige mit einem gezielten Faustschlag regelrecht fällt, bei Arsch und Kragen packt und sie mit sich davonschleppt, während sie in ihrer Firma anruft, und den Leuten mitteilt, dass sie mindestens eine Woche lang nicht kommen kann, und ja, es ist ihr egal, wenn sie dafür rausgeworfen wird, das Leben ihrer Tochter ist in Gefahr, und ja, sie wird es mit dem Chef später regeln, er wird es hoffentlich verstehen. Als ich sie entsetzt zur Rede stellen will – schließlich muss ich geradeeben mitansehen, wie mein eigen Fleisch und Blut gerade regelrecht K.O. geschlagen wird – sagt sie nur, das verstehst du nicht, du hast keine Erfahrungen mit der Drogenszene. In den folgenden Tagen geht sie mit dem Kind ins Spital, zur Polizei, ein paar „Freunde“ meiner Tochter werden von der Exekutive gefilzt, wie eine Ein-Mann-Armee (bzw. eher: eine Eine-Frau-Armee) rollt die Mutter meiner Kinder die Sache auf, mit einer Gnadenlosigkeit und Effizienz, die jedem Offizier zur Ehre gereicht hätte. Ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, was genau damals los war, aber sie ihr wohl einiges Schicksal erspart.

Ich selber werde auch einmal gegen handgreiflich, gegen meinen Buben, als es bei ihm mit den Mädeln anfängt. Ich sage zu ihm, sollte er jemals eine Frau wie ein Stück Dreck behandeln, dann wische ich mit ihm die Straße auf. Er behandelt ein Mädel wie ein Stück Dreck – ich wische mit ihm die Straße auf. Wortwörtlich. Es ist eine beschissene Situation: Das Mädel steht vor unserer Haustür, ruft ihn an, der nicht antwortet, und weint, mein Sohn, der schnippisch reagiert, wenn ich ihn frage, was los ist, und der kurze Bericht meiner Frau, die mit der Kleinen redet, und mir sagt, was sie hat in Erfahrung bringen können. Ich vergesse nie, wie verwundert mein werter Filius dreinschaut, als ihn die Faust seines Vaters am Genick packt, ihn durch die Wohnungstür zwei Stockwerke die Stiegen hinunterschleift, durch das Haustor – mit verwunderter Freundin davor – auf die Straße neben unserer Wohnhausanlage, und so fange ich an, mit ihm kreuz und quer über die Straße zu ziehen… Es gibt damals ein ziemliches Theater, mit aufgeregten Nachbarn, und einem noch aufgeregterem Halbwüchsigen, der sie anfleht, ja nicht die Polizei zu rufen. Seine Scham ist vollständig, als herauskommt, warum … sein Vater mit ihm die Straße aufwischt. Dass er nachher alles tut, um es bei dem Mädel wieder gutzumachen, kann seine Verfehlung auch nicht ungeschehen machen.

Auch gewalttätig werd ich einmal gegen meinen seligen Herrn Papa. Ich schleif ihn zum Urologen, er will nicht, traut sich nicht, zetert, beschwert sich, empört sich, schimpft – ein kräftiger Stoß, untermalt von einem „Rein!“ befördert ihn in die Ordination des Herrn Doktor Bresnicek. Die anderen Männer in der Ordination reagieren unterschiedlich, aber meistens: Amüsiert.

Und natürlich pickt meine Frau meiner Tochter damals eine, als diese eine Art Mini-Komplott schmiedet, um mich und meine Gefährtin auseinanderzubringen, weil ich ihr gewisse Dinge nicht erlauben will und auch ihre Mutter davon überzeugen kann, es nicht durchgehen zu lassen. Einen ganzen Tag lang hat sie die Abdrücke der mütterlichen Finger im Gesicht.

Einmal greife ich vor den Augen meiner Kinder im Volksschulalter zu Gewalt, in der Straßenbahn, Richtung Rodaun, als ein älterer Herr seinem Unmut über die heute Jugend mit einer Watschen gegen selbige – in der Form von ein paar Gschrappen in der Bim – Ausdruck verleiht … woraufhin er postwendend von mir eine runtergehaut bekommt. „Und? Was machst jetzt?“, frage ich ihn, als er entsetzt feststellen muss, wie leicht es geht, selber in die Position des Schwächeren zu geraten, und gerade in dem Moment, als ich mir denke, dass ich das vor meinen Kindern nicht hätte tun sollen, höre ich sie reden: „Pfau!, unser Papa beschützt Kinder!“ „Wir sind Kinder?“ „Ja! Super, gell?“ Oh meine Kleinen! Wenn es euch nicht gäbe, man müsste euch erfinden.

Doch so bemerkenswert all diese Episoden auch sind, sie zwar brutal, aber nicht wirklich … wie soll ich es sagen? … exzessiv. Doch auch so eine Episode gibt es in der Geschichte unserer Familie.

Meine Tochter, meine Erstgeborene, ist wenige Wochen alt, und so schön es irgendwie ist, als meine Gefährtin das Kind unterm Herzen trägt, so sehr schlägt alles um, als das Kind letzendlich auf der Welt ist, denn meine Frau – schützt das Kind vor mir. Und ich weiß wirklich nicht, warum.

So verweigert sie zum Beispiel ein Gitterbettchen, sie will das Kind immer bei sich haben, soll sein, aber, nun, sie dreht das Kind immer weg von mir, liegt immer zwischen mir und meinem Töchterchen, und das tut mir Weh, unendlich Weh. Als ich mit meinen Eltern damals darüber rede, wie wenig ich es verstehe, und wie Weh es mir tut, dass meine Gefährtin, die Mutter meines Kindes, abwehrend, ja, geradezu feindselig ist gegenüber mir, wird ihnen das Herz schwer. Mein Vater legt mir die Hand auf die Schulter, „Sohn“, sagt er mit belegter Stimme, „du kannst dir ja garnicht vorstellen, wie froh wir sind, dass du das nicht verstehst“, und liefern mir eine Erklärung, die Zorn in mir aufwachen lässt, einen namenlosen, fürchterlichen, ultimativen Zorn.

„Kann es sein“, frage ich, als Vater, Mutter und Kind zusammen im gemeinsamen Bett liegen und letzteres schläft, „dass dein Vater … zu oft seinen eigenen Frust an seinem eigen Fleisch und Blut ausgelassen hat?“

„Wohin gehst du?“ Sie bekommt keine Antwort. Ein paar Stunden später komme ich wieder. „Wo warst?“ Die Antwort ist dieselbe wie auf ihre vorige Frage.

Stunden später – es muss wohl vier in der Früh sein – läutet es an der Tür, ich mache keine Anstalten, aufzustehen. Wohl von einer Vorahnung gepackt, steht eben meine Gefährtin auf, schlüpft in Hose und Pullover, und geht. Durch die geschlossene Vorzimmertür höre ich dunkle Männerstimmen, im Gespräch mit meiner Frau. Ich höre nur Wortfetzen von dem, was sie sagt. Die Männer verstehe ich garnicht. Sie stehen am Gang. „eins-fünfundachzig?“ … „vier Wochen alt“ … „schläft“ … „die ganze Nacht, wir wechseln uns mit dem Schlafen ab.“ … „Nein.“ … „Würd mich nicht wundern.“ … „Nein, wieso?“ „Was ist passiert???“ Und dann höre ich sie nur noch gedämpft, und schlafe schließlich selber wieder ein.

Als ich aufwache, ist es Vormittag, und ich stelle verwundert fest, dass ein fertiges Frühstück auf dem Tisch steht, mit hartgekochten Eiern, Brot, Butter, Schinken, Orangensaft, was in aller Welt …?

„Stell dir vor, gestern, als mein Vater vom Wirtshaus heimkommt, da passt ihn jemand ab“, weiß sie zu erzählen, während sie mir mein Schinkenbrot wegmampft, „und verpasst ihm eine richtige Abreibung. Er liegt jetzt auf der Intensivstation, sie wollen ihn ein paar Tage dort behalten, weil sie nicht wissen, ob er innere Verletzungen davongetragen hat.“ Und fröhlich, ja, geradezu ausgelassen, zählt sie auf, was er alles für Verletzungen hat. Und was, frage ich mich, was ist daran schön? „Er behauptet, das warst du.“ Ah so? „Ein Nachbar“, freut sie sich diebisch, „hat den Angreifer gesehen. Naja, ich würd sagen, klein, gedrungen und mit schwarzen Haaren – das bist eindeutig nicht du. Aber die Polizei sagt, das wundert sie nicht, mein Vater hat eine Reputation für Schlägereien, und jetzt, wo er älter wird, zieht er eben zunehmend den Kürzeren.“

Als wir uns diesen Abend hinlegen, geschieht schließlich etwas Besonderes: Unser Kind ist wach, und rührt sich. Ihre Mutter wickelt das Kleine um, füttert es, und – legt es mir auf den Bauch, während sie zärtlich das kleine Köpfchen streichelt, und mich der Zwerg aus großen Augen ansieht. Armes Schwein, denke ich mir in Richtung meines Schwiegervaters, die eigene Tochter hasst dich, dein Schwiegersohn verprügelt dich, als er erfährt, was für ein Arschloch du bist, und sogar einer deiner Nachbarn lügt die Polizei an, froh darüber, dass dir endlich einer eine Abreibung verpasst.

Irgendwas in deinem Leben musst du wohl falsch gemacht haben…