Grrr!

Meine tapfere Gefährtin und ich, wir haben ein wunderschönes Leben. Wir arbeiten in Firmen, wo sich die Leute gelernt haben, uns zu akzeptieren (oder zumindest so zu tun), leben in einem Haus mit netter Nachbarschaft, und haben – seit nun über einem Jahr – ein wunderbares Kind, ein kleiner Quell großer Freude, ein prächtiges Baby, ein wundervoller kleiner Mensch, dessen Dasein das unsere bereichert. Sie schläft in der Nacht durch, ist nie quengelig, scheißt Seifenflocken, und hat – wie die werte Leserin, der werte Leser sicher soeben bemerkt hat – einen Vater, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, wenn es darum geht, das eigene Kind zu loben. Und unser Glück könnte wirklich vollkommen sein, gäbe es da nicht eine kleine Kleinigkeit, die uns genauso Kopfweh wie -zerbrechen macht:

Unser Baby knurrt.

Ja. Tatsächlich. Aufwachen, Morgenpapperl, Knurren, Spielen (mit viel Knurren, versteht sich), Mittagsessen, Knurren, Mittagsschlaferl, Knurren, ES IST NICHT ZUM AUSHALTEN! Nicht einmal telefonieren kann ich richtig, denn sobald das Zwergel mitbekommt, dass der eigene Erzeuger einen fernmündlichen Kommunikationsversuch unternimmt, kommt sie schon dahermarschiert, knurrt, was das Zeug hält, dass mir mein Chef schon angeboten hat, mir ein neues Telefon zu spendieren, weil „das, das Sie haben, hat irgendwas, Sie haben eine Art Knurren in der Leitung…“ Naja – immerhin knurrt unser Zwergerl noch nicht im Schlaf.

Ich habe mittlerweile die Hypothese aufgestellt und wieder verworfen, dass es sich dabei um einen Versuch des Sprechens handelt, weil sie immer knurrt, einfach so, so wie sie oder ich bei einer monotonen Arbeit vor sich hin singen würden, und natürlich knurrt sie auch, wenn wir mit ihr draußen sind. Egal ob Straßenbahn, Autobus, U- oder S-Bahn, das Baby knurrt. Unlängst in der Straßenbahn macht ein Hund den Fehler, zurückzuknurren … die Antwort des Babies ist dermaßen intensiv, dass das arme Viech wohl geglaubt hat, an einen Dinosaurier geraten zu sein, und sich in weiterer Folge auf Winseln und Ohrenanlegen verlegt hat. Regelmäßge Dialoge mit – zu Recht! – genervten Fahrgästen laufen in der Regel wie folgt ab:

„Sogns sie, kennan sie net das Kind beruhigen?“ „Des Kind is ruhig. Die knurrt einfach nur gern.“ „…“ „Lossen's mi in Ruah, wir waren deswegen sogar schon beim Dokter.“ „Und wos hot der gsogt?“ „Dass des Kind pumperlg'sund is, und halt anfoch nur gern knurrt. Der maant, des gibt sie von allanich.“ „Na, des wünsch i ihna. Des muass jo a Wahnsinn sei, mit so aan G'schropp'n!“

Wir nämlich wirklich schon beim Arzt. Der untersucht unseren Spross, der auf seinem dicken Windelpopo auf dem Behandlungstisch des Arztes sitzt und hört unser Töchterchen mit einem Stethoskop ab. „Na du, knurrst gern, gell? Grr!“ Grrr! „Grrr!“ Grrrrrrr! „Grrr!“ „GRRRRRRRRRRRRRR!!!“ Und da sitzt sie, die Kleine, quietschvergnügt, sichtlich erfreut, dass sich der Onkel Doktor mit ihr in ihrer eigenen Sprache unterhält, während der sie abhört und lacht das süßeste Babylachen, das man sich nur vorstellen kann. Und knurrt dabei, versteht sich. „Na, du bist gesund, auf jeden Fall! Darfst aber nicht so viel knurren, sonst müssen deine Mama und dein Papa zum Kasperl-Doktor, weil sie deppert werden!“ – Grrr! Und sie lacht dabei, der Arzt amüsiert sich prächtig.

„Das Kind ist vollkommen gesund, sie knurrt einfach nur gern. Wird sich schon wieder legen, machen sie sich keine Sorgen. Ich kann Ihnen übrigens den Doktor Al-Amini empfehlen, der war ein Studienkollege von mir und ist ein ausgezeichneter Neurologe, der …“ Den Rest höre ich nicht mehr, weil mein Seufzen seine Stimme übertönt. Der Arzt wechselt noch ein paar Knurrer im Dialog mit meinem Spross, und wir sind entlassen. Mit einem fröhlich knurrenden Baby. Es ist zum Verzweifeln.

So geht es also weiter, die Eltern haben Kopfweh, das Baby knurrt, aber es ist zufrieden, während seine Eltern erkennen, dass die alte Weisheit, dass sich eine Generation immer für die nächste aufzuopfern hat, zu immer neuen Dimensionen gut ist. Bis mir und meiner Gefährtin etwas auffällt. „Sag, Mann, knurrt unsere Kleine nimmer???“ Und dann bemerke ich es auch, in der Tat!, die Kleine knurrt nicht. Wir warten ab. Kein Knurren. Es muss vor ein paar Tagen aufgehört haben, und wir haben es nicht einmal gemerkt. „Glaubst du, dass sie wieder anfängt, wenn ich sie anknurr?“ „Frau, Frau, halt!, nein, probier es garnicht –“, doch es ist schon zu spät: Die Mutter knurrt ihrer Tochter zu, die schaut sie an, hebt die Augenbrauen (was bei einem Baby wirklich irrsinnig süß ist), schnauft missmutig, zuckt dann mit den Schultern, und stapelt lieber weiter ihre Plüschwürfel aufeinander.

Sie knurrt also nicht mehr, trotzdem verlernt sie es nie: Bis ins Vorschulalter hinein kann es schon sein, dass sie andere Kinder mit ihrem Knurren einschüchtert, und bis ans Ende seiner Tage knurrt sie dem alten arabischen Kinderarzt zum Gruß entgegen, wenn sie ihn trifft, er freut sich jedesmal darüber.

Ich mich nicht. Die Erinnerung ans Kopfweh ist einfach zu stark.