Haare am Sack

Es fängt damit an, dass ich einen jener seltenen Anrufe von meinem Schwiegervater bekomme, die deswegen so selten weil an sich ohnehin erübrigbar sind. Er fragt mich kurzer Hand, ob ich ein bisserl deppert bin und meine Kinder nicht erziehen kann, und was ich mir einbilde, meinem Sohn auszurichten, mir so schwachsinnige Fragen zu stellen. Ich antworte ihm, dass Halbwüchsige zum Stellen von merkwürdigen Fragen wahrlich nicht auf Ideen von Erwachsenen angewiesen sind, auch die dümmsten Fragen ernst genommen werden sollten, weil sie zumeist Teil eines für den Heranwachsenden ebenso ernsthaften Problems sind, und gerade er sich bezüglich Kindererziehung jeden Kommentars enthalten soll. Und lege auf. Es hat schon seine Gründe, warum seine Tochter kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hat.

Abends schnapp ich mir dann meinen Filius und meine zu ihm, dass es keine gute Idee ist, mit meinen Schwiegereltern über irgendwas zu reden, wo er sich eine vernünftige Antwort erwartet. Im Gegensatz zu meinen eigenen Alten, die zwar auch einiges an – teils schweren! – Fehlern in ihrem vergangenen Leben gemacht haben, haben sie nämlich aus ihren Fehlern nicht gelernt. Wie gesagt, es hat seine Gründe, warum die Mutter meiner Kinder zu ihren eigenen Eltern bis zum heutigen Tag kein gutes Verhältnis hat. Und dann will ich wissen: Was hast du deinen anderen Opa eigentlich gefragt. Naja, meint er, unlängst, naja, da, weißt, Papa – kann das außer uns zwei eh keiner hören? – da denk ich mir, naja, ich mein, weißt Papa, es ist schon wichtig, und… wie entfernt man sich eigentlich am besten die Haare vom Sack?

Was will er?

„Glaubst du, dass mir meine Schwester ihr Epiliergerät borgt?“ Sie hat ein Epiliergerät? „Nein, das glaube ich nicht. Warum willst du dir überhaupt die bewussten Schamhaare entfernen?“ Ich kann mir beim besten Willen keinen Grund dafür vorstellen, mit irgendeinem zupfenden oder schneidenden Gerät auf die eigenen Keimdrüsen loszugehen.

Mein Sohnemann – und da ich keine Namen nenne, traue ich mir das hier zu schreiben – hat eine Freundin. Eine, die für ihn mehr ist als nur Subjekt kindlicher Zuneigung. Und, so wie es rennt zwischen den zweien, „naja, Papa, weißt eh, vielleicht, ich mein, ich denk mir“, sie werden irgendwann einmal auf's Ganze gehen.

Mir persönlich sind die – vorhandenen oder nicht vorhandenen – Bettgeschichten meines Nachwuchses nun herzlich wurscht. Die Mutter meiner Kinder nimmt sowas zwar sehr viel mehr mit als mich, aber die beiden sind – in gewissen Bereichen – bereits eigenständige Menschen, und da ich guten Gewissens annehmen kann, dass sich mein eigener männlicher Nachwuchs erstens um Verhütung Gedanken macht und zweitens jegliche Doppel-X, mit der er jemals zu tun haben wird, mit dem nötigen Respekt behandelt (widrigenfalls kann er nämlich was erleben!), mache ich mir weder Gedanken noch Sorgen.

Doch sowohl mein Bub als auch seine Freundin haben noch nie, und entsprechend gibt es da ein ganzes Konvolut an Sorgen und Fragen, die, so lächerlich sie auf uns Erwachsene wirken mögen, echte Probleme für die lieben Kleinen darstellen und nicht ignoriert werden dürfen. Auch wenn sie tatsächlich über alle Maßen schwachsinnig sind. „Ich mein, Papa, weißt, vielleicht stört sie das…“ „Vielleicht stört sie das nicht.“ „Was ist, wenn doch?“ „Frag sie.“ „Ich … trau mich nicht, und überhaupt, weißt eh, du, ich…“ „Mein Sohn: Ich habe keine Ahnung. In meinem langen langen Leben wäre das das allererste Mal dass ich auch nur das Gerücht höre, dass das ein Problem sein könnte, soweit ich das beurteilen kann, ist es also nicht wichtig, leg dein Hauptaugenmerk darauf, wie sie auf was reagiert, was du tust, und mach dir über solche Sachen keine Gedanken.“

Der Sohnemann nickt, schweigt, und überlegt nach diesen gütigen väterlichen Worten, und redet mit mir nicht mehr darüber. Das macht mich misstrauisch, weil ich nicht glaube, dass eine vernünftige Antwort für ihn auch befriedigend ist. Es vergehen also die Wochen, und ja, der eine Tag, an dem er mich fragt, ob es mir was ausmachen würde, wenn er und seine Freundin sich meine Plattensammlung durchhören könnten, weil sie interessiert sich durchaus für „Heavy Metal und so“, schreckt mich entsprechend auf. Ja, aber an diesem Wochenende fahren wir doch in die Steiermark, meine Eltern im Urlaub besuchen! „Ich weiß. Und weil meine Freundin da sicher nicht mitfahren will, und ich dem Opa seine Witze eh schon alle auswendig kenn, will ich eigentlich nicht mit, und der Opa hat gemeint, ich könnt bei der Gelegenheit einmal in deine Sammlung reinhorchen, und wenn du nicht dabei bist, blamier ich nicht vor dir wenn ich mich wunder und –“

Ja, Bub, ich hab verstanden, es ist in Ordnung, du weißt, wo alles ist, Schlüssel für die Wohnung hast du ja, bring mir nur nix durcheinander in meiner Sammlung, sonst endet dein Leben als schmauchendes Häuflein Asche in der Oberleitung der U-Bahn. „Aber die U-Bahn hat keine Oberleitung.“ „Wenn du wüsstest, was ich alles zusammenbring, wenn ich aggressiv werd…“

„Der Opa hat gemeint…“ Aha. Er hat sich also offensichtlich, sich von seinem eigenen Erzeuger diesbezüglich im Stich gelassen fühlend, an den Vater seines Vaters gewendet. An besagtem Wochenende stehe ich also mit einer Heugabel in der Hand in der Mitte eines Haufens frischer Maht und verteile sie an die zu beiden Seiten der Abladefläche befindlichen Rindviecher, während der Jungbauer mit Hilfe meines alten Herren einen Generator repariert – meine Familie ist sich noch nie zu Schade dafür gewesen, anzupacken. Das duftende Gras, fressende Rindviecher, das Surren der Milchpumpe, das Schmatzen der Saugstutzen der Melkmaschinen, das Gackern der Hendeln, die sich von draußen in den Stall hineinbegeben haben, um irgendwelches Getier zwischen den Grashalmen herauszupicken. Fünf Uhr in der Früh. Sowohl meine bessere Hälfte als auch meine Tochter schlafen noch. Es ist entspannend.

Mein Vater kommt zurück, man merkt, dass ihm der Aufenthalt gut tut. „Papa – i muass mit dir über mein Buam reden“, sage ich später zu ihm, als wir eine abschließende Runde über das Gehöft drehen und damit unter uns sind. „Glühende Nussschalen“, erwidert der alte Mann mit einem Achselzucken.

Äh – wås?

„Glühende Nussschalen. Von wegen, wie kriegt man die Haare vom Sack weg. Epilieren ist der größte Blödsinn überhaupt, des geht nur bei einer festen Haut, aber net bei einer weichen, sonst zwickst die Haut blutig. Rasieren spielt's auch nicht, wegen den Knoten, die die Haarwurzeln machen in der Haut von Hodensack, und wegen der Verletzungsgefahr, wenn sie des entzünd't, is der Teufel los. Also glühende Nussschalen. Glühen die Haare weg, verletzen die Haut net, und die verbrennten Rückständ wascht ma si dånn āf°ch weg.“ „Papa?!“ „Glaub ma āns – dei Bua låsst seine Weichteile in Ruah. Sicher. Und des mit deiner Plåttensammlung, geh, Bua, des glaubst jå söba net. Die Plåtten sān in ān Karton, da Karton is in ān Kastl, des Kastel is zuag'sperrt, und da Kåstn, wo des Kastl drinn is, ā. Des hāßt, du wāßt sofurt, wås er mānt, ohne dass er wāß, dass du wāßt, wås er mānt.“ Mein Vater sieht mich vielsagend an: „Bua, wāßt, i bin schon a bissel länger auf der Welt als wie du, Bua: Ma muass die eigenen Kinder immer ernst nehman. Gånz wurscht, wegen wås. Oda täterst du auf ān Årzt hör'n, der di net ernst nimmt?“ Ich erkenne, dass mein alter Vater Recht hat: Es ist besser, man sagt ihnen irgendeinen Blödsinn, woraufhin sie dann das Richtige tun, als ihnen eine richtige Antwort zu geben, die sie dann nicht befolgen. Mein Filius wird also tunlichst von seinen Weichteilen die Finger, Scheren, Pinzetten oder sonstige Werkzeuge lassen, von glühenden Nussschalen ganz zu schweigen. Er wird mir also irgendein G'schichtel erzählen, was er mit seiner Freundin dieses Wochenende so unternommen hat, wodurch er leider leider nicht dazu gekommen ist, sich mit meiner Plattensammlung zu befassen – wo der Schlüssel für diesen Kasten ist, das weiß er nicht einmal.

Leite deine Kinder, aber lenke sie nicht, gib ihnen indirekt die Richtung vor, so, dass sie nicht gewahr werden, dass du sie lenkst. Papa: Danke für diese Erkenntnis.

Und jetzt versteh ich auch deine Bemerkung, dass der Morgen hier auf dem Hof so großartig ist und man das unbedingt einmal erlebt haben muss, vor allem, weil dann Mutter, Frau und Tochter noch schlafen werden und ma auch einmal seine Ruhe hat von denen. Denn wie ich reagieren würde auf ein: „Heast, steh mit auf um halber Fünf in der Früh und hilf mit bei der Arbeit“, das kann man sich wohl denken.