halbwüchsige Großeltern

Als meine Tochter damals eines gesunden Mädchens entbunden wird, da sagen ich und meine Gefährtin einander zu, nun, wenn das Mädel in die Pubertät kommt, und unsere Tochter uns das erste Mal anruft, um uns wegen ihr anzuweinen, dann lassen wir die Sektkorken knallen. Und tatsächlich haben wir, seit einigen Jahren nun, eine Flasche eingelagert.

Und eines schicksalsschweren Tages, um ist sieben Uhr abends… Meine Frau telefoniert. Mit wem? Sie macht eine Handbewegung, nebst vielsagendem Gesichtsausdruck, und mir wird alles klar. „Aha. Was macht sie?“, telefoniert meine Frau weiter, während ich ihr die Sektflasche zeige. „Ach, wirklich? Naja, das ist schlimm, jaja“, nickt meine Frau, während ich in heller Freude den Draht aufdrehe, der den Korken hält, und meine Frau zwei Gläser holt. „Du, da musst du durch“, telefoniert die Mutter. „Aha … naja, so sind halbwüchsige Mädeln eben.“ Ich halte meiner Frau das Telefon, um ihr die Ehre zu Teil werden zu lassen.

Und der Korken knallt.

Höchst amüsiert schenke ich ihr und dann mir ein, während ich, ebenso amüsiert, dem Fortgang des Telefonats lausche. „Was wir hier tun? Och, nichts“ – doch das sagt meine Gefährtin nicht. Sie sagt doch tatsächlich: „Was wir hier tun? Wir haben gerade einen Knorken knallen lassen und stoßen darauf an, dass es jetzt dir genauso geht wie uns damals. … Ja, natürlich ist das gemein. Und? … Na, willst du jetzt meinen Rat oder nicht?“, und als sie das so sagt, die Mutter meiner Kinder, in der für sie typischen brutalen Ehrlichkeit, da fällt mir eine Begebenheit ein, die ich niemals verdrängen können werde:

Meine Tochter ist – halbwüchsig. Schwerstens halbwüchsig. Ihre Mutter ist wegen einer Biopsie ein paar Tage im Spital, und ich erlaube ihr gewisse Dinge nicht. Sie geht in ihrer Schule zu einer Sozialarbeiterin, und behauptet, ich würde sie schlagen. Die Sozialarbeiterin glaubt ihr nicht, und als ihre Mutter aus dem Spital zurück ist, geraten die beiden Doppel-X schlimmstens aneinander, beziehungsweise eher: meine Tochter rennt gegen ihre Mutter an, und macht ihr die schlimmsten Vorwürfe. Von Vernachlässigung über die Behauptung, wir hätten sie abtreiben lassen wollen damals über wir vergraulen ihre Freunde und was ihr sonst noch einfällt. Ihre Mutter ist nicht aus der Ruhe zu bringen, was sie noch mehr aufstachelt. „Und außerdem“, grollt meine Tochter, ihr zwei verschissenen Arschlöcher ihr, ihr verschissenen [sie sagt das damals tatsächlich so], wieso, wenn ihr zu verschissen arschlochig saudeppert seid ein Kind groß zu ziehen, warum habt ihr dann überhaupt welche? Verpestet die Welt mit euren verschissenen Arschloch-Genen. Ha! Ha? Wie ist es dazu gekommen?“ Kurzer, aber unverhohlener Seitenblick meiner Gefährtin auf die Hüften ihres männlichen Gegenparts – „Halt den Mund!“, schnappt die Tochter, ohne die Antwort abzuwarten. „Na, willst du du jetzt wissen, wie es dazu gekommen ist, oder nicht?“, bleibt die Mutter ruhig, „NEIN!!!“ „Na, warum fragst du dann überhaupt?“ Eine Tür knallt.

„Sie hat mich garnicht eine Hure geschimpft“, wundert sich meine Frau, als sich die Tochter – und zwar wirklich!, mit Kästen und Vorhängeschloss und allem! – in ihrem Zimmer verbarrikadiert. Die Mutter geht also zur verbarrikadierten Tür. „Und nenn mich das nächste Mal gefälligst eine Hure“, ruft sie. Ich denke mir: Weiber. Die schenken einander nichts.

Und jetzt, viele Jahre später, ist meine Tochter leicht ungehalten, weil wir – die Mutter wirft den Kopf zurück, weil auf dem anderen Ende der Verbindung irgendjemand gerade ins Telefon quietscht. „Die Tochter hat gerade eine Kristallvase nach ihr geworfen – eine teure“, informiert mich meine Frau. „Frag sie, ob sie will, dass wir sie besuchen kommen“, meine ich. „Du, Schatz, sollen ich und dein alter Vater dich besuchen kommen?“ „Du, ich sag dir, wenn du dich nicht sofort zusammenreißt, dann kommen Oma und Opa uns besuchen, ich telefonier gerade mit ihnen“, höre ich meine Tochter meiner Enkeltochter drohen. Ich höre, wie am anderen Ende der Verbindung offenbar eine Tür knallt, und dann verbarrikidiert wird.

Wir Großeltern trinken den Sekt mittler Weile direkt aus der Flasche. In vollen Zügen.