der Tod des Heinrich A.

Erste Szene

(Mitten in der Nacht steht auf einer Brücke ein Mann, nennen wir ihn Heinrich, er ist des Lebens überdrüssig und überlegt, sich von selbiger zu stürzen.)

Heinrich: Da steh ich nun, und jetzt würde der Hamlet-Monolog passen – wenn ich ihn denn wüsste! Aber auch mit Bildung ist es bei mir nicht weit her. Wie fängt der denn überhaupt an? Irgendwas mit „sein“. Oder doch eher „ihr“?

Schutzengel: Heast, du Trottel, wos måchstn då?!

Heinrich: (fällt vor Schreck fast in die Tiefe) Huch! Wer bist denn du?

Schutzengel: Na wås glaubst, ha? I bin dei Schutzengel, du Trottel.

Heinrich: Ich hab einen Schutzengel…? (überlegt) Sag amal – wo warst du eigentlich, als ich mei Alte kennengelernt hab…?

(Heinrich steht da und schaut seinen Schutzengel zweifelnd an, der sich darüber wundert.)

Heinrich: Also, irgendwie schaust du mir nicht gerade wie ein professioneller Schutzengel aus…

Schutzengel: Oida. wås is? I und kā Profi? I bin da Überprofi, Oida! I håb (schaut selbstgefällig) scho an Haufn berühmte Leut beschützt.

Heinrich: Ach, und wen?

Schutzengel: (zählt auf) Mahatma Gandhi, John F. Kennedy, Jochen Rindt, John Lennon, Ayrton Senna, Lady Diana…

Heinrich: Ach! Und die Crew vom Spaceshuttle Challenger auch noch, gell?

Schutzengel: (erkennt den Sarkasmus nicht) Jo eh!

Heinrich: Also, irgendwie – du schaust mir absolut nicht wie ein Profi aus, sag amal, is dein Heiligenschein überhaupt echt? (will den Heiligenschein berühren)

Schutzengel: Heast! Låsst du g'fölligst mein Heuligenschein in Ruah, du! (haut dem Heinrich eine herunter, dass er von der Brücke fällt)

Schutzengel: Auweh… (seufzt) Da Nächste! Då wird da Oida wieder stingert sei. Des gibt sicha wieda zwā Wochen Innendienst … mit Rauchverbot! (seufzt abermals) Es is net leicht, wirklich net leicht… (ab)

Zweite Szene

(Heinrich steht wieder auf der Brücke und schaut hinunter. Neben ihm – Heinrich sieht zunächst ihn nicht – steht eine kleine Gestalt in Kuttenmantel mit Sense.)

Heinrich: Träume hat ma manchmal…

Tod: (ist 1,20m groß, hat eine Piepsstimme und ruft alles, was er sagt) Das glaub ich nicht! Schau einmal hinunter, und schau gena-au!

Heinrich: (tut, wie ihm geheißen) Hoppala! Da lieg ja ich! Schaut ziemlich unbequem aus. (wendet sich zum Tod) Und wer bist du?

Tod: Ich bin der Tod, der grausame Schnitter, haha! (geht mit der Sense auf Heinrich los) Sens! Sens!

Heinrich: (ist dem Tod mit einem Schritt auf die Seite ausgewichen) Ist schon gut, tu dir nicht Weh mit dem Ding.

Tod: Was soll mir schon passieren? Ich bin der Tod, ich werde niemals sterben!

Heinrich: Also, ich hab mir den Tod immer anders vorgestellt. So nicht gerade einszwanzig groß, mit Pausbackerln und Piepsstimme.

Tod: Du solltest lieber ein bisschen höflicher sein, sonst werd ich böse und schick dich zum Teufel! Der kommt dann und bringt dich in die Hölle!

Heinrich: (nimmt den Tod nicht ernst und macht nur ein paar beschwichtigende Handbewegungen, als ob er sagen wollte, ist schon gut)

Tod: Du wolltest es nicht anders! Diese eine Chance hast du noch gehabt! Du hast sie vertan! Die Konsequenzen wirst du jetzt tragen müssen! Lebe wohl, haha-haa! (strömt eine Rauchwolke aus, und hebt die Arme. Ein Blitz leuchtet auf, und der Tod ist weg.)

Heinrich: (schüttelt angewidert den Kopf) „Lebe“ wohl, sagt er. Oh welch tiefgründiger Humor, tz!

Teufel: (spricht aus dem Hintergrund) Du hätterst lieber Lachen sollen. Wer weiß, wie lange du das noch können wirst…

(Der Teufel tritt ins Licht. Er trägt einen Designeranzug, hat eine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben und wirkt und gibt sich exaltiert, gestriegelt, geschniegelt, geleckt und geschleckt, ein Snob. Er spricht Schönbrunnerdeutsch.)

Heinrich: Und wer bist du?

Teufel: Na was glaubst, Burschi?

Heinrich: (zuckt nur mit Schultern)

Teufel: Na, ich bin doch der Teufel.

Heinrich: (ungläubig) Echt? (geht um den Teufel herum) Du schaust eher wie ein Versicherungsvertreter aus…

Teufel: Na, wundert dich das? Sind nicht Versicherungsvertreter die Reinkarnation des Bösen auf der Erde? (lacht gekünstelt) Geh, komm, Glaubst wirklich, Pferdefuß, Hörndln am Plutzer und Schwefelgeruch sind noch in? Wo es doch schon lange Sachen gibt, die viel bösartiger sind. Mein neues Deo zum Beispiel. (Lässt Heinrich daran riechen)

Heinrich: (kriegt einen Hustanfall)

Teufel: Toll, gell? Des nehm ich immer für die U-Bahn.

Heinrich: Das ist ja schrecklich!

Teufel: Oh, danke! Aber, Burschi, was erzähl ich da immer über mich, erzähl doch was über dich. Wo kommst her, was machst so, plauder ein bissel, frisch von der Leber weg. Einfach so, damit ich weiß, was ich mit dir machen soll.

Heinrich: (zuckt mit den Schultern, und beginnt dann, zu erzählen) Also: Zum ersten hab ich es niemals leicht gehabt. Schon meine Familienverhältnisse sind verworren, so ist zum Beispiel mein Großvater väterlicherseits gleichzeitig mein Urgroßvater mütterlicherseits, es ist alles sehr kompliziert. Von der Schule bin ich mit sechzehn abgegangen, eine Zeitlang von der Halbweisenrente gelebt, weil mein Vater dann halt tot war, ich wollte dann in die Politik, weil man da mehr verdient als mit Hilfsarbeit, dann hab ich halt meine Nichte gepudert, die sich dann umgbracht hat, dann hab ich irgendeine schiache Alte geheiratet, die mich aber auch nicht über sich drüberlasst, und da hab ich mich eben umbringen wollen. Fürwahr! Man hat es mir nicht leicht gemacht.

Teufel: (hat sich Heinrichs Vortrag mit zunehmendem Ekel angehört) I-gitt! Na heast, du bist aber wirklich einer! Was mach ich mit dir, was mach ich mit dir…? (überlegt ein paar Sekunden lang) Ha! Ich weiß, was ich mach, na, das ist gemein, und zwar so richtig, na du wirst dich vielleicht ärgern! (schnippt mit den Fingern)

(Licht geht aus. Als es wieder angeht, steht Heinrich da, mit einem Mantel und einem Hut, vor einer roten Fußgängerampel.)

Heinrich: (schaut sich um, betastet sich, schaut ins Publikum und sagt) Ich bin ja wieder am Leben!