Infantologie

Liebe Eltern (und solche, die es noch werden), diesmal möchte ich mich mit ein paar Erkenntnissen an euch wenden, die es euch ermöglichen, mit euren Kindern in einem Lebensalter besser umzugehen, das – neben Säuglingsalter, Kindheit, Pubertät und Erwachsenalter, ähem – eines der schwierigsten ist. Ich rede natürlich von der Zeit, in der sich euer Nachwuchs im Alter des Kleinkindes befindet.

Zuersteinmal zeichnen sich Kleinkinder durch eine Eigenschaft aus, die schon das Wort suggeriert: Sie sind klein. Das hat viele Konsequenzen. So wirkt sich zum Beispiel alles auf sie wesentlich schlimmer aus als zum Beispiel auf Erwachsene. Bekommen sie Fieber, sind es gleich vierzig Grad, und wenn sie einmal zornig werden, dann kriegen sie gleich einen Plutzer, das man fürchtet, dass ihnen gleich die Adern platzen. Doch ist diese Furcht unbegründet. Ich selber warte noch zwar immer darauf, dass eines meiner Kleinen eines Tages explodiert, bis dato ist es aber nicht passiert.

Eine weitere Konsequenz aus den geringeren Abmessungen ist nun, dass sie trampeln. Man mag sich nun fragen, wie sie dieses Kunststück vollbringen, vor allem, weil sie ja viel leichter sind als wir, doch gibt es auch hierfür eine einfache Erklärung: Sie treten immer mit der ganzen Fußsohle auf. Ein Erwachsener kann sich das nicht leisten, denn wenn er es tut, wirkt der Stoß durch bis ins Hirn, einem kleinen Knödel hingegen ist das wurscht.

Aus selbigem Grund macht es auch recht wenig, wenn es die Zwuckerln aufstreut: Ein Fall aus nicht einmal einem Meter Höhe ist weniger als halb so gefährlich wie ein Fall aus der doppelten Höhe, man konsultiere diesbezüglich die entsprechenden physikalischen Formeln.

Und weil wir gerade von Proportionen reden: Kinder (und auch Haustiere, das sei angemerkt) haben eine lästige Gewohnheit: Sie setzen sich immer mitten in den Weg. Der tiefere Grund hierfür wird deutlich, wenn man sich die Mühe macht, einmal in die Knie zu gehen, um die Welt aus Kleinkinderhöhe zu betrachten: Die Welt wird deutlich größer. Aus einem zehn Meter langen Raum wird eine unendlich lang scheinende Halle, und ein ein Meter breiter Durchgang wird dann gute drei Meter breit. Und das bedeutet, dass aus der Sicht des Kleinkindes mehr als genug Platz ist, um da daneben vorbeigehen zu können. Das Nachvollziehen einer Körpergröße von bis zu zwei Metern ist ihnen nicht möglich.

Doch nicht nur räumliche Dimensionen sind für kleine Kinder größer, auch die Zeit vergeht für sie langsamer. Viel langsamer. Gemessen zur gesamten Lebenszeit dauert beispielsweise für ein dreijähriges Kind eine Minute zehnmal so lange wie für einen Dreißigjährigen. In der Zeit, in der es also ein gestresster Vater im günstigsten Fall schafft, mit dem Nachwuchs im Einkaufswagen von der Kassa zum Einpacktisch zur Straßenbahnstation zu kommen, ist für das Zwergerl locker eine Stunde vergangen!

Nocheinmal zur körperlichen Beschaffenheit der kleinen Riesen: Ausnahmslos alle höheren Lebewesen sind zu Beginn ihres Lebens wesentlich kleiner als ihre Elterntiere, und zwar aus sehr gut nachvollziehbaren praktischen Gründen. Bedingt durch diesen Umstand sind also bei Jungtieren die Gliedmaßen verhältnismäßig kurz, wären sie doch in Ei oder Gebärmutter massiv im Weg. Während die Gliedmaßen also im Laufe des Lebens recht stark wachsen, sind beim Kleinkind alle anderen Organe und Organsysteme überproportional stark vorhanden. Das ist wahrlich kein Nachteil und mit ein Grund für die höhere Regenerationsfähigkeit der lieben Kleinen, hat aber auf der anderen Seite auch die Konsequenz, dass ein Stoffwechsel, der ohne Probleme einen dreißig Kilo schweren Körper versorgen könnte, seine Energie einem halb so schweren Wesen zur Verfügung stellt.

Das ist die hochwissenschaftliche Erklärung dafür, warum sie so intensiv und ausdauernd herumquirdeln können, womit sie uns adulte Tiere, deren Verhältnis der Stoffwechselleistung zur Körpermasse ein ganz anderes ist, an Energie locker hinter sich lassen. Doch keine Sorge, besorgter werdender Vater, der du diese Zeilen liest, keine Angst, besorgte werdende Mutter, die sie noch einmal liest, um sich dieser grausamen Tatsache zu vergewissern: /Absolut/ gesehen sind unsere Körper immer noch eine Dimension mächtiger. Wenn auch nicht so wurlert.

Gleich noch etwas zur Beruhigung: Dieselbe Tatsache ist auch ein wichtiger Grund dafür, warum Süßigkeiten vor der Hauptmahlzeit absolut tabu sind, halten die kurzkettigen Kohlenhydrate darin doch kaum vor, und sind bestenfalls geeignet, eine Mahlzeit abzurunden. Ebenfalls eine Folge daraus ist, dass kleine Kinder rechtzeitig ins Bett gehören, und irgendwann in dieser Nacht habe ich mit der Mutter meiner Kinder die Wette abgeschlossen, dass ich mit diesem Text eher fertig bin, als dass sie die Kinder erfolgreich ins Bett gebracht hat. Morgen früh macht also meine Gefährtin das Frühstück, denn es ist knapp vor Mitternacht, die Kinder sind schon wieder ins Bett zurückgescheut worden, und ihr werter Vater ist um eine gewonnene Wette reicher…