Der Kaktus

Ich habe einen kleinen grünen Kaktus. Im Gegensatz zu dem, den die „Comedian Harmonists“ in ihrem unsterblichen Lied besungen haben, steht der meinige nicht am Balkon – er steht auf dem Fensterbrett. Und hier steht er, und könnte sich eigentlich ungestört seines kleinen grünen stacheligen Lebens erfreuen, doch das geht nicht. Warum nicht?

Weil meine Katze ihn nicht leiden kann.

Es ist nun so, dass meine Katze so gewisse Plätze hat, die sich gerne mag, und nein, der Platz am Fensterbrett gehört nicht dazu – weswegen ich auch keine Bedenken gehabt habe, den Kaktus dort hinzustellen. Auch wirft die wehrhafte Pflanze keinen Schatten auf einen Sonnenplatz, verströmt keinen Geruch, macht keinen Lärm. Trotzdem: Die Katze mag ihn nicht.

Ich kann das zwar beim besten Willen nicht verstehen, aber man sagt ja, Katzen wären wie Frauen: Ihre Entscheidungen sind für uns Männer nicht nachvollziehbar. Wie auch immer, das schwarzhaarige Miezerl hat ein ernsthaftes Problem damit, dass der grüne Geselle da so einfach da oben auf dem Fensterbrett steht. Eindeutig Konkurrenz. Man schalte sie aus.

Allerdings hat ein Kaktus gegenüber all den anderen Pflanzen, die ich aufgestellt habe und ein Opfer der Kaulust meiner Hexe geworden sind, einen gravierenden Vorteil: Er kann sich wehren. Dort, wo Farne, Gummibäume, Kresse, Gänseblümchen, Veilchen, Paradeispflanzen, Rosen, Tulpen, Nelken ... ein Raub von blitzendweißen Zähnen geworden sind, steht der Kaktus, und winkt der Katze beizeiten drohend mit seinen Stacheln. Vielleicht wiegt er sich auch nur in der Sonne, wer weiß. Ich mag den Kaktus: Er hat eine ansprechende Persönlichkeit.

Die Katze nun nimmt dem Kaktus sein Selbstbewusstsein krumm. Ist sie früher beim Fenster gesessen, und hat den Leuten unten auf der Straße zugeschaut, sich auf die Tastatur gelegt, auf der ich gerade geschrieben habe und verhindert, dass ich mir ungestört die Stiefel zuschnüren kann, sitzt sie jetzt unten auf dem Boden und schaut zum Kaktus herauf. Manchmal ist sie auch mutiger, und setzt sich auf die freigebliebene Fläche des Fensterbretts meines arglosen Küchenfensters, und sieht den Kaktus gebannt an. Eigentlich stiert sie ihn an, was interessant ist, da ich noch nie einen Stier stieren sehen habe, sondern immer nur Menschen und eben Katzen, aber auf der anderen Seite werde ich es auch nicht darauf anlegen. So ein Stier wiegt in etwa eine Tonne, und besteht zu über dreihundert Kilogramm aus Muskeln, mit sowas legt man sich besser nicht an.

Der Kaktus wiegt keine Tonne, er hat auch keine Muskeln. Meine Katze wiegt ein paar Kilo, und Muskeln hat sie sehr wohl, doch verwendet sie die eine schöne Zeit lang nicht dazu, mich zu ärgern, sondern eben dazu, dazusitzen und gebannt den Kaktus zu beobachten. Der Kaktus indessen steht auf dem Fensterbrett, genießt die Sonne und den Frieden.

Doch es ist ein bewaffneter Friede, und als solcher währt er nicht ewig, denn als ich einmal nicht daheim bin, da kommt es zum Kampf.

Ich bemerke, dass der Kaktus ein wenig derangiert ist und dass Blumenerde auf dem Fensterbrett liegt, und meine Miez ist die nächsten beiden Tage sehr damit beschäftigt, sich die verwundeten Samtpfötchen zu lecken, und überhaupt recht unleidlich. Ich nutze gleich die Gelegenheit, den Kaktus umzutopfen, und spendiere ihm ein bisschen Mineralasche als Trost für den überstandenen Kampf. Ich versuche, auch meine Katze zu streicheln, aber diese ist wie gesagt ein wenig unleidlich, und zieht es vor, ihre Wunden zu lecken. Ein paar Tage darauf beginnt mein Kaktus zu blühen, eine wunderschöne gelbe Blüte. Ich öffne das Fenster, um Insekten hereinzulassen, und freue mich.

Die Katze begegnet nach dieser Episode dem Kaktus auf jeden Fall mit Respekt.

Wenn sie am Küchenfenster vorbeitrippelt, grüßt sie den Kaktus mit einem Kopfnicken, stiert nicht mehr, lauert nicht mehr, und hält sich vom Fensterbrett fern. Auf diesem steht – jetzt unangefochten – ein blühender Kaktus, und lebt in Freude und Frieden sein grünes stacheliges Leben, und genießt es sehr.

Er ist ein wahrer Held und verdienter Sieger.