Ich habe mir keine Harley gekauft

Lieber Sohn, ich möchte einmal mein bisheriges – zugegebenermaßen doch schon recht langes – Leben rekapitulieren:

Also: Als ich diese wunderbare Welt zum ersten Mal in meinem Leben zu Gesicht bekomme, fang ich an, zu schreien. Wer könnte es mir verdenken? Zehn Jahre später, da bin ich ein Schulkind, jaja, auch ich war einmal so jung. Ist zwar schon a bissel länger her, aber ja, auch ich bin einmal in die Schule gegangen. Ohne Bart, ohne Glatze, damals noch. Komische Vorstellung.

Wieder ein Jahrzehnt später bin ich zwanzig, irgendwann dann fange ich zu arbeiten an, und mache mich auf die Suche nach der Frau für's Leben. Als ich sie im Laufe der nächsten Dekade nicht finden kann, denke ich mir, dass das auch seine guten Seiten hat. Überlege mir, wie ich mein Leben gestalten könnte. Ich möchte Bücher schreiben, „Kinder, die die Zeiten überdauern“, quasi. Wer schert sich schon um die Gschråppen vom alten Sinuhe, hm? Seine Bücher aber, die gibt's immer noch. Oder ich könnte reisen. Oder eine Firma aufbauen, Wert schaffen, der die Generationen überdauert. Eigentlich ein schönes Leben.

Ich lerne zufällig eure Mutter kennen, und bin neun Monate später Vater.

Ich schreibe keine Bücher, baue keine Firmen auf, widme mich nicht irgendeiner großen, weltbewegenden Aufgabe, sondern mache solche Sachen wie euch zu drohen, euch den Fieberthermometer, äh, nicht in den Mund zu stecken, wenn ihr Manderln macht, flicke aufgeschürfte Knie, Konflikte mit den Lehrkräften, gebrochene Herzen, Fehler in den Hausübungen, überzogene Bankkonten, und hin und wieder – das lasse ich mir nicht nehmen – meine eigene Beziehung, wenn sie wieder einmal an der Kippe steht, weil ihr nicht ganz ohne Erfolg versucht, uns Eltern gegeneinander auszuspielen um eures persönlichen Vorteils Willen. Aber was soll's, ihr seid ja unsere Kinder…

Irgendwann kriegen wir euch endlich aus der elterlichen Wohnung, damit wir uns in Ruhe um unsere jeweiligen Berufe und natürlich um die schon recht bald eintrudelnden Enkelkinder kümmern können, flicken aufgeschürfte Knie, Konflikte mit den Lehrkräften, gebrochene Herzen, Fehler in den Hausübungen, überzogene Bankkonten, und hin und wieder – das lassen wir uns nicht nehmen – eure Beziehungen, wenn sie wieder einmal an der Kippe stehen, weil eure Kinder nicht ganz ohne Erfolg versuchen, ihre Eltern gegeneinander auszuspielen um ihres persönlichen Vorteils willen. Aber was soll's, sie sind ja unsere Enkelkinder.

Und auf einmal, ja, da habe ich diese Lebensjahrzehnte alle hinter mir, und tatsächlich, ja, wirklich und allen Ernstes – muss ich nicht mehr arbeiten gehen. Ich habe also endlich Zeit, mich um meine andere Hälfte und auch um mich selber zu kümmern, all die Dinge zu tun, die ich all die Jahrzehnte vorher vernachlässigt habe.

Ich will mir also einen Führerschein zulegen und eine Harley.

Denn da ich selber mit Geld umgehen kann und ihr das nur, wenn ihr genau wisst, dass ihr von uns keines kriegt – wir haben nicht alles bei eurer Erziehung richtig gemacht – kann ich mir das auch leisten. Ich sitze also im Kurs, mit meinem siebzig Lenzen, und hau mich über die Jungen ab, die mich anschauen, wie wenn das was Besonderes wär. Die glauben doch ernsthaft, Alter schützt vor Torheit! Sie haben keine Ahnung vom Leben, es sei ihnen verziehen.

Ich schaffe also meinen Führerschein, was eurer Mutter Bewunderung abnötigt. Ich glaub, das letzte Mal, als sie mich wirklich bewundert hat, das war, als ich es geschafft habe, deine Schwester, mein lieber Sohn, davon zu überzeugen, dass betrunken durch die Gegend vögeln keine gute Sache für ein halbwüchsiges Mädel ist. Und jetzt bewundert sie mich, weil ich den Führerschein geschafft habe, und jaa, und jetzt, da tu ich es – nicht.

Ich kaufe mir keine Harley.

Das wird dich sicher sehr freuen, mein lieber Sohn, vor allem, weil ich mein Testament bei einem Notar hinterlegt habe, und mich über seinen Inhalt ausschweige, weshalb du Angst hast, einfach nix zu kriegen, hehehe!, aber diesen kleinen Nervenkitzel musst du deinem alten Vater lassen. Aber dafür bleibt mir ein anderer verwehrt: Keine Harley für den alten Herrn K.

Ich hab mir auch keine BMW-Beiwagenmaschine gekauft. Ich habe es nicht getan. Oft habe ich mir ausgemalt, wie es sein mag, mit der Maschine über das Land zu brausen, die Frau im Beiwagensitz, und dann nach einer halben Fahrt mit ihr zu tauschen – sie hat den rosa Zettel, seit sie achtzehn ist. Aber nein, ich tu's nicht, ich tu das alles nicht, keine Harley, keine BMW-Beiwagenmaschine.

Ich hab mir nämlich ein Quad zugelegt.

Gegen die Harley – wie mir der freundliche Herr vom Motorrad Swatoschek so geduldig erklärt hat – spricht nämlich, dass ihr Wummern einfach daherrührt, dass der Motor eigentlich eine vorsintflutliche Konstruktion ist, aber aus Gründen des Kultstatus so belassen wird. Und Beiwagenmaschinen, nun, die sind erstens extrem beschissen zu lenken, weil sie assymetrisch sind, und zweitens sind sie Exoten, kaum zu kriegen, sauteuer, keine Ersatzteile, und technisch eigentlich schon lange überholt. Wenn ich etwas haben will, so der freundliche Verkäufer, das ich auch bei glatter Fahrbahn fahren kann, aber trotzdem ein Motorrad-Gefühl bietet, dann soll ich mir doch ein Quad zulegen. Außerdem sei das Modell, das er mir vorschlagen würde, besonders gut gedämpft, auch kein Fehler bei meinen zwar zähen, aber doch schon alten Knochen. Darum hab ich mir auch eins gekauft, ein Quad.

Deine Mutter hat sich sofort ebenfalls eine Motorradmontur zuglegt, und sich eine Trikotfahne aus Stoff gemacht, zum auf den Buckel binden, wo draufsteht: „Not newly wed, but still stupid“. Wir werden einmal damit gemeinsam eine längere Spritztour machen. Und das Beste an der Sache ist, dass sich der ungute alte Nachbar nicht mehr darüber aufregen kann, weil ihn vor ein paar Jahren ein Herzinfarkt geholt hat, weil er am Ende doch schon hundertfünfzig Kilo gehabt hat, das verfressene Arschloch. Eure Eltern sind da anders, die rauchen nicht, die saufen nicht, dafür kaufen sie sich Maschinen, die so herrlich aufjaulen können, wenn man am Gasgriff dreht.

Wobei ich schon sagen muss, dass ich dem freundlichen Verkäufer vom Motorrad Swatoschek wohl ein größeres Trinkgeld geben werde, nachträglich, denn mein Quad, also, ich muss schon sagen, das fährt sich so butterweich, kein Auto, in dem ich bisher als Beifahrer mitgefahren bin, hat eine so gute und so gut eingestellte Federung. Und ja, auch dein Mercedes, den du dir eh nicht leisten kannst, mein lieber Sohn, hat kein derart angenehmes Fahrverhalten.

Zumindest bilde ich mir das ein, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass der Kerl vom Motorrad Swatoschek wirklich ein ganz ausgezeichneter Verkäufer ist.

Leider hast du mitgekriegt, wie ich mich mit deiner Mutter über einen „neuen Rollstuhl“ unterhalten habe, der ja so toll wäre. Und da du ja unser Kind bist und uns schon länger kennst, hast du eins und eins zusammengezählt, und mir einmal nachspioniert.

Ich fahre also da diese Straße entlang, und auf einmal hält mich die Polizei auf. „Guten Tag“, begrüßen mich zwei nette Herren in Uniform, „den Führerschein und die Fahrzeugpapiere bitte.“ Ich händige das Gewünschte aus. „War ich zu schnell unterwegs? Nicht, dass mein Tacho hinig ist, ich hab die Maschine noch nicht lang.“ „Nānā, wissen's, der Aufkleber hinten bei ihnen auf dem Oberteil, da schau ma lieber genauer hin“, meint der eine Beamte, „Ich habe nichts mehr zu verlieren…“, liest er vor. Aha. Das hat sie also misstrauisch gemacht, ein Eindruck, der sich noch verstärkt, als ich den Helm abnehme, und ihnen meine weißen Haaren entgegenleuchten.

„Sie wissen aber schon, dass sie ohne Vignette net auf die Autobahn dürfen“, mahnt der andere Polizist. „Natürlich“, antworte ich, „ich möcht zum Baumarkt dort drüben“, und lasse so ganz beiläufig ein paar technische Details zu meiner Maschine fallen. „Des håm's Ihnen aber guat g'merkt“, erkennt der eine Polizist an, „obwohl – Moment! Sie ham den Führerschein erst seit aan Monat???“ „Jå“, gebe ich zu, „ich habe mir einen Jugendtraum erfüllt. Und das mit dem Aufkleber, bitte sein's mir nicht bös, aber das hält mir im Stadtverkehr die ganzen wahnsinnigen Autofahrer auf Sicherheitsabstand.“ Ich und mein Gefährt werden eingehend inspiziert, aber die Polizeibeamten finden nichts. Alles ist vorbildlich, und über mich selber finden sie ebenfalls nichts in den Datenbanken, außer, dass meine Angaben alle stimmen.

Wie der Zufall es will, braust gerade in diesem Moment ein mir nur zu gut bekannter schwarzer Mercedes mit vollem Karacho vorbei, und bremst sich mit quietschenden Reifen ein, was die beiden Polizisten mit entsetzten Blicken beobachten.

Sofort drückt der eine Polizeibeamte seinem Kollegen meine Papiere in die Hand und sprintet zu dem Auto. „Såg'n sie, wås sān denn sie für aana, seng sie die Bodenmarkierungen net?!“, fährt der He den Autofahrer an, dass man es bis hierher hört. „Alles in Ordnung?“, frage ich den anderen Beamten, der freundlich nickt und mir meine Papier zurückgibt. „Schöne Maschin håm's då, und passen's auf ihna auf, dann werd'n's hundert Jåhr ålt“, verabschiedet er sich von mir, und hilft seinem Kollegen bei der Amtshandlung.

Tut mir Leid das wegen der Geldstrafe, mein Sohn. Aber auf der anderen Seite: Ich und eure Mutter, wir haben immer nur auf euch geschaut. Seit es euch gibt. Nie haben wir irgendwas nur für uns getan, bis jetzt. Und vielleicht ist das eine Lektion, die deine eigenen Kinder von der Begebenheit lernen können, nämlich, dass es auch bei elterlicher Selbstaufopferung Grenzen gibt. Mit anderen Worten: Ihr könnt's mich einmal, und eure Mutter auch, und zwar kreuzweise, oder sogar diagonal, was auch immer. Denn wir werden uns auf unsere alten Tage selbige sicher nicht vermiesen lassen.

Ein alter Schulfreund von mir – keine Kinder – hat übrigens ein paar Bücher geschrieben, nicht schlecht sind die. Er hat sicher viel Zeit gehabt, sie zu schreiben. Wenn der jemals berühmt wird mit seinen Büchern, dann fahr ich ihn über den Haufen.

Führerschein und Maschine habe ich ja jetzt.