Wegspielereien

Ich komme mit meinem Zwergerl gerade vom Kinderarzt. Impfung. Spritze. Baby ist sehr tapfer, aber auch der Kinderarzt ist gut. Der Teddybär vom Hernn Doktor bekommt eine Spritze, der Plüschhund vom Baby bekommt eine Spritze, der Papa auch, und schließlich das Kind selbst, meine Frage, ob ich denn, wenn ich schon ein Jauckerl krieg, was Lustigeres haben könnte als Kochsalzlösung, wird vom Herrn Doktor nur mit einem grimmigen Blick quittiert.

Wie auch immer, der Plüschhund bekommt eine Spritze, der Papa auch, mein Zwergerl ebenfalls, es pickst, kurz verzieht das Kind das Gesicht, als ob es weinen wollte, aber die Frau Doktor kommt mit einem Zuckerl und viel Lob, und alles ist gut.

„Ist schon sehr gut, dass ihr Töchterchen so tapfer ist“, meint der Arzt zu mir; er hat nämlich andere Kinder zuschauen lassen, und als die sehen, dass ein Zweijähriges sich anstandslos eine Injektion geben lässt, verlieren die ihre Angst.

Und jetzt sind ich und Baby unterwegs. Wir steigen früher aus, und ich lasse mein Kind ein bisschen im Grünen spazieren, wobei, „grün“, naja – es ist Winter und eher weiß als grün, und sehr zur Freude vom Baby sind die Lacken sind alle zugefroren. Baby hupft also auf dem Weg herum, und zertritt die Eisschollen, eine nach der anderen. Die Spritze, der Schmerz, die sterile Luft, das alles scheint bereits vergessen zu sein. Baby ist sehr neugierig, und lässt keine einzige der zugefrorenen Lacken aus.

Gemessenen Schrittes gehe ich mit, bereit, in dem Moment, indem das Zwuckerl ausrutscht, sofort zur Stelle zu sein. Das Stollenprofil meiner Stiefel gibt mir einen sicheren Halt auf dem Weg.

Baby lässt nun in der Tat keine Lacke aus, nicht eine einzige. Es nimmt sogar ein Stockerl in die Fäustlinge, um eine vielleicht münzgroße Lacke aufzubrechen. Zu meine Unmut sehe ich, dass unter so mancher Eisschicht Gatsch ist, Gatsch, in dem ein Kinderstieferl womöglich einsinken und steckenbleiben könnte, ich bin also auf der Hut. Aber die Lacken sind alle recht seicht, und – außer der Rutschgefahr – droht kein anderes Ungemach, also lasse ich meinen Sprössling gewähren.

Leider erweist sich meine Einschätzung, dass die Lacken alle seicht sind, als falsch, denn eine der Lacken, die dem Zwerg ganz besonders großen Spaß macht, weil das Eis so lustig knirscht, erweist sich als fast zwanzig Zentimeter tief, vielleicht weil hier ein Hund gegraben hat und man durch die angelaufene Eisschicht nicht sieht, wie tief das Ding wirklich ist.

Knirsch, und Baby versinkt bis zum Knie im eiskalten Wasser, eine Zehntelsekunde später allerdings sind die Stieferln ausgezogen, der Overall, das Strumpfhoserl (also alles, was nass und kalt ist), und Baby ist im Revers des väterlichen Mantels verschwunden, nur Kopferl, Schal und ein Stück vom Pullover schauen heraus. Wenn deine Mutter sehen könnte, wie schnell ich dich umziehen kann!

Baby steckt also im Aufschlag eines dieser alten, unzerstörbaren filzernen Uniformmäntel, sicher und warm am väterlichen Körper, und auch die Tränchen sind schon getrocknet. Na, Zwerg, bist erschrocken? Mein Kind schaut mich an, zuerst unglücklich, und dann resigniert. Naja, sagt der Blick, kamma nix machen. Ich schau zurück. Ja, in der Tat: Kamma nix machen. Die Sachlage ist also klar. Doch dann mache ich einen Fehler, ich gehe nämlich einfach weiter. Ein Quaken meines Nachwuchses ist die Reaktion.

Ganz aufgeregt schaut Baby mich an, auf die Lacke (in der man das Loch, in dem es versunken ist, noch gut sehen kann), wieder auf mich, dann auf die Lacke, und ist in der Tat ganz aufgeregt darüber, warum ich denn einfach weitergehe!

Ich schau mein Kind an, mein Kind mich, und dann – bricht der Absatz eines Stiefels der Größe 44 durch das Eis. Baby ist zufrieden, zumindest interpretiere ich das anerkennende Nicken als Zufriedenheit. Nein, ich scherze nicht – mein Zweijähriges nickt anerkennend. Muss es von der Mutter haben. Nicht, dass die das jemals in meine Richtung machen würde, aber zum Kind: durchaus.

Ich werde also von meinem Baby entsprechend dirigiert, ja, diese Lacke, da steig bitte rein, und noch einmal, na, das ist noch was an der Seite, gut, jetzt sind wir fertig, die nächste ist die links, und dann noch eine, nein, bei der reicht nur einmal, und dann die kleine da am Rand … und ich komme nicht umhin, zu gestehen, dass mir die Sache schön langsam anfängt, Spaß zu machen: Das Baby im Mantel, gehalten von den Knöpfen des Revers', das Knirschen und Brechen des Eises unter den Stiefelsohlen, ja, ich kann schon verstehen, warum dem Zwergeel die Sache so eine Freude macht.

Nach einiger Zeit brauche ich keine Anweisungen mehr von der „Steuerzentrale“ in meinem Mantel, weil ich – laut erneutem anerkennenden Blick von meinem Sprössling – es mittler Weile heraußen haben dürfte, wie es geht. Baby ist sehr davon angetan, dass auch einmal Erwachsene etwas zu verstehen scheinen.

So knirschen wir also den Weg entlang, du im Revers, gehalten von Knöpfen und meinem linken Arm, gewärmt vom väterlichen Körper, während ich in der rechten deine nassen Sachen halte. Und jetzt müssen wir noch deiner Mutter erklären, warum wir so lange gebraucht haben. Soll heißen: Ich muss, du nicht: Baby schläft.