Dies ist eine wahre Geschichte. Eine Geschichte über Freundschaft, Leid, große Aufgaben, und vor allem über Leute, die am besten geteert, gefedert, zurückgepudert und dann abgetrieben gehören. Es ist die Geschichte über…

Kollege „Joe“

Es gibt Freunde und „Freunde“, genauso gibt es Kollegen und „Kollegen“. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich das zweifelhafte Vergnügen habe, mit jemandem zusammenzuarbeiten, den ich hier einfach einmal kurz „Joe“ nennen will, arbeite ich in einem sogenannten Digitaldruck.

Ein Digitaldruck, das ist ist eine Art Druckerei, in der kleinste (1 Stück) bis mittlere Auflagen produziert werden von Broschüren, Visitenkarten, Flugblättern, Skripten, Einladungen, Dokumentationen und was sich sonst noch alles schwarzweiß oder farbig auf Papier bringen und verarbeiten lässt. Damit sind wir Digitaldrucker in vielfacher Hinsicht arme Schweine (Anmerkung des Autors: grunz, grunz!), weil wir die letzten in einer langen Kette von Arbeitsabläufen sind und damit unweigerlich jeden Fehler ausbaden dürfen, den irgendwo ein ein Auftraggeber, ein Graphiker, oder ganz einfach irgendwo ein Programmierer der Software gemacht hat, die wir dann verwenden müssen. Ich könnte mich über die genauen Umstände natürlich noch näher auslassen, möchte das hier aber abkürzen und zum eigentlichen Thema kommen, nämlich zu einem Kollegen, den ich hier der Einfachkeit halber und des Datenschutzes wegen einmal kurz „Joe“ nennen will.

Besagter Joe kommt also eines schiachen Tages zu uns, um hier sein Probemonat zu absolvieren und dann einer kleinen Schwesterfiliale zugewiesen zu werden; „ausgebildet werden“ soll er also bei uns. Soll sein.

Wir stellen uns einander vor, und fragen ihn, was er denn so alles weiß und dergleichen. Abgeschlossene Ausbildung hat er zwar keine, aber er meint, er kennt sich bei den diversen Programmen sehr gut aus. Fein, die meisten hier haben ebenfalls keine abgeschlossene bzw. einschlägige Ausbildung, aber das ist kein Hindernis, denn wichtig ist es hier nur, intelligent und flexibel zu sein, denn die Arbeit verändert sich dauernd, Anpassungsfähigkeit und Improvisationstalent – optimaler Weise gepaart mit einem soliden Grundlagenwissen in EDV, Graphik und Papierverarbeitung – sind die besten Voraussetzungen.

Er meint also, er kennt sich sehr gut aus mit der Software. Freut mich. Kann vielleicht ein alter Hase wie ich auch wieder einmal was lernen.

Nach schon relativ kurzer Zeit komme ich allerdings drauf, dass er sich mitnichten so gut auskennt, wie er tut. So hat er offenbar zum Beispiel keinen Schimmer davon, dass beim Verarbeiten eines Scans – dessen Rohdaten natürlich immer in Lichtfarben, also im RGB-Farbraum, vom Scanner kommen – einmal zumindest ein Weißabgleich gemacht gehört, von anderen Kleinigkeiten ganz zu schweigen, und dass zudem die Bildprozessoren der Druckmaschinen zwar prinzipiell RGB-Daten verstehen, aber mitunter nicht richtig wiedergeben, so wie zum Beispiel unser guter alter Plotter, dessen Drucke die Kunden zwar ob ihrer Qualität regelmäßig entzücken, der eben aber auch seine Macken hat. Doch nein, das kann nicht sein, denn „Computer machen keine Fehler“, die macht immer nur der Mensch. Originalton Joe. Idiot!

Naja, reden wir mit ihm bei Gelegnheit über den Entstehungsprozess von Software, über den ich als einer, der ihn von innen kennt, mehr weiß als der Durchschnittsmensch. Aber Alles in Allem sei ihm das verziehen.

Nach relativ kurzer Zeit jedoch komme ich drauf, dass das nicht das Einzige ist, das Joe besser zu wissen glaubt, als er es tatsächlich weiß und dass er von sich selber überhaupt eine verdammt hohe Meinung hat. Das äußert sich auch im Umgang mit Kundschaft. Dazu gehört soziale Kompetenz. Es ist kein Zeichen von sozialer Kompetenz, die Kundschaft prinzipiell mit „du“ anzusprechen. Als er das erste Mal einer Kundschaft, sie sich ihre Drucke abholen kommt, ein Ständchen trällert, fange ich ernsthaft an, mich zu fragen, ob er denn ganz dicht ist. Ist er nicht, doch ich tue solche Dinge zunächst einmal als Anfängerfehler ab. Es macht eben einen Unterschied, ob man ohne Kundenkontakt arbeitet wie in einem Büro oder in einem Digitaldruck mit viel Umgang mit Kundschaft.

Gut, es ist so, dass uns eine Kundin keine Rückrufnummer hinterlassen will, weil „der eine Kollege so aufdringlich“ ist, aber das erfahre ich erst später. Der Umstand, dass es bei Joe nicht an Erfahrung mangelt, sondern prinzipiell an seiner Intelligenz, wird mir bewusst, als ein Kunde mit einer Frage kommt… Er hat sich da Pläne einscannen lassen. Schwarzweiß. Als TIFF-Dateien. Und kann da die eine Datei jetzt nicht aufmachen. Gut, er war zwar damit bei einem Konkurrenten, aber da er gerade hier ist, Fragen kostet ja nix. Ich meine, dass es da beim Abspeichern dieser einen Datei oder beim Brennvorgang der Datendisk möglicherweise ein Problem gegeben hat, und da ja die anderen Datein lesbar sind, ist das ein klassischer Reklamationsfall, er möge zu dem betreffenden Mitbewerber gehen und sich diesen einen Plan nochmals scannen lassen. Kann vorkommen.

Joe kommt hinzu, und fragt, was denn los ist. Leider sagt es ihm der Kunde, und dann tut Joe zwei Dinge, die erstens falsch und zweitens inakzeptabel sind: Erstens, er meint, in seiner gönnerhaften Art, „na, das machen wir schon“. Nein, machen wir nicht, das ist eine Reklamation einer anderen Firma, und betrifft uns nicht. Doch dann, dann fängt er an, mit dem Kunden zu diskutieren. Woher der denn überhaupt weiß, dass das eine TIFF-Datei ist, und überhaupt, mit so einem Computer, wie ihn der Kunde verwendet, da geht das ja garnicht, und überhaupt…

Der Kunde ist ein Systemadministrator. Das, was Joe über Computer weiß und wohl jemals wissen wird, das hat der Mann im kleinen Finger. Meine Versuche, Joe zu bremsen, schlagen fehl, und ihn zusammenzuputzen, das kommt mir bei einem Kollegen, der noch nicht lange da ist, nicht in den Sinn. Ich hätte es tun sollen. Ich erkläre dem Kunden abschließend nocheinmal, dass es hier wohl einen Fehler beim Abspeichern oder Brennen gegeben hat, und dass das ein Reklamationsfall ist, mit dem er sich an die wenden soll, die ihm den Scan gemacht haben.

Mein lieber Joe, sowas hat mit Erfahrung nichts zu tun, sondern mit einfacher Logik. Man übernimmt keine Reklamationsfälle von Konkurrenten. Und außerdem soll man verdammt nocheinmal die Papp'n halten über Dinge, von denen man nix weiß.

Am nächsten Tag – ich bin die Spätschicht – werde ich von der Frühschicht angegangen, was mit gewissen Aufträgen denn los sei. Welche Aufträge??? Das, was ich ihnen gelassen habe, das ist dokumentiert und – Moment! Welche Aufträge waren denn das? Natürlich die von – Joe. Er dokumentiert nichts. Er dokumentiert nichts, er gibt nichts weiter, niemand weiß von irgendwas, was Joe tut. Mein Kollege steigt mich an, dass ich gefälligst darauf zu achten habe, dass der Joe ordnungsgemäß dokumentiert, woraufhin ich zurückgebe, dass das erstens etwas ist, was ihm sicher etliche Male und ganz am Anfang gesagt worden ist, und zweitens, ich bin nicht sein Kindergärtner. Wir befetzen uns also gegenseitig, weil uns dieser Vollidiot in den Wahnsinn treibt.

Später will ich einmal mit Joe reden, ihm etwas erklären, ihm zeigen, wie man einer bestimmten Maschine Papier beigeben muss, damit sie nicht spinnt, doch er ruft nur: „Ich hör dich nicht!“, geht ein paar Schritte weg und – hört mir nicht zu. Da bin ich baff.

Es gibt noch ein paar andere Dinge. Zum Beispiel, dass die Verkäufer – er lernt auch kassieren – auf einmal Fehlbeträge in der Kassa haben, oder auch einen Überschuss, was nicht sein kann. Joe kassiert mit, meint zwar, er kann das perfekt, weil er war eh einmal in der „Gastronomie“ (=er hat ein paar Mal gekellnert, bevor's ihn rausgeschmissen haben, nehme ich an), und das ist alles kein Problem, aber offenbar ist er zu unfähig, um richtig herauszugeben. Dann kommt er einmal eben zwanzig Minuten zu spät, ohne bei uns kurz anzurufen, soll sein. Er geht niemandem ab. Dann verschmeißt er den Tippstift vom Touchscreen einer Maschine, und anstatt ihn zu suchen, kommt er mit dem Stift „von einem alten Graphiktablett von mir“ an. Ich schaue mir den Stift an. Wer sich so ein Graphiktablett jemals gekauft hat, hat sich vorher nicht erkundigt, wo er um weniger Geld ein besseres herkriegen kann.

Ach ja, eine Sache hätte ich glatt vergessen, es geht um Einladungen für eine alte Kundin von uns. Man scanne ein Photo ein, platziere es auf der Einladung, und drucke diese aus, zugeschnitten auf 210x99mm. Er braucht drei Tage dafür. Die Kundin kommt, will die Einladungen abholen. Joe hat nichts dokumentiert, die Frühschicht steht wie die Kuh vor neuem Tor. Da die Kundin die Einladungen jetzt haben will, macht der Kollege das Zeugl schnell fertig, druckt, schneidet, in einer halben Stunde ist er fertig. Ich schau mir das von Joe in offenbar stundenlanger Arbeit retuschierte Photo an – keine Konversion in den Vierfarbraum der Drucker, und warum hat er den Schatten auf dem Photo nicht wegretuschiert, verdammt!, das ist doch das allererste, was man macht. Und natürlich kein Weißabgleich, der weiße Hintergrund des Photos wird damit hellblau gedruckt – aber ich habe auch nichts Anderes erwartet.

Oh Joe, nein, lange wirst du nicht bleiben… Eines Tages, da arbeite ich mit Joe zusammen, der (Aaaah!) dieselbe Schicht hat wie ich, und merke, dass auf einmal die Arbeit plötzlich leichter geht. Warum? Ich mach sie allein. Joe hat beschlossen, sich nach hinten ins Büro zu setzen, und nichts zu tun. Für ein paar Stunden, halt. Ich denke mir zuerst, er sitzt mit massivsten Verdauungsstörungen auf dem Klo – sowas kann passieren – aber nein, er sitzt hinten im Büro und tut nichts. Soll sein. Ich bin froh, wenn ich den nicht sehen muss.

Mir fällt noch ein, wie er sich über unser Naschkisterl wundert. Wir haben da was, ein Kisterl, wo wir einfach Dinge, die wir kaufen, aber mit den anderen teilen wollen, sowie die Naturalien, die uns die Kunden manchmal schenken, reintun, zur freien Entnahme für alle Kollegen. Für Joe dürfte das etwas komplett Neues und Unerhörtes sein, er hört nicht auf, sich darüber zu wundern. Wir wundern uns auch. Über ihn.

Wir wundern uns darüber, wieso er einfach nicht hört, wenn man ihm etwas sagt, sogar unserm alten Chef kamma Dinge erklären, weil er weiß, dass er nicht alles weiß, wieso dokumentiert er nichts, wieso passt er beim Kassieren nicht auf, wieso dieses, wieso jenes? …

Eines Tages, da telefoniert Joe eine Zeit lang ganz aufgeregt mit unserem Chef, und die von der Frühschicht schauen grimmiger drein als sonst in den letzten Wochen. Warum? Weil Joe mit Ende der Woche geht. Das heißt, dass morgen sein letzter Tag ist. Haleluja, meine Gebete wurden erhört! Eigentlich möchte ich ihn nocheinmal zum Essen einladen, ein Gedanke, den ich schon seit Tagen mit mir herumschleppe, einmal mit ihm reden, ihm ein paar Dinge erklären, ihm etwas mitgeben auf seinem weiteren Lebensweg, denn seine Defizite sind offensichtlich. Am nächsten Tag lade ich Joe folglich zum Essen ein, doch der wehrt irgendwie ab. Soll sein. Leck mich am Arsch. Renn an, es ist nicht mein Problem.

Als ich am Montag wieder in die Arbeit komm, lacht mich einer von der Frühschicht an, und fragt mich, warum ich heut so gut aufgelegt bin. Meine Antwort: „Weil ich zum ersten Mal seit Wochen mit der Gewissheit in die Arbeit geh, dass mein Blutdruck nicht sofort auf über 130 steigen wird.“ Und ja, auch die anderen, alle hier sind entspannt, fröhlich, glücklich – dass dieser Volltrottel endlich weg ist.

Ich rede ein paar Tage später mit der Putzfrau. Joe hat die Kaffeemaschine hin und wieder verwendet. Und den Filter ausgeschwenkt gelassen, ihn nicht wieder zurückgedreht (weil da kamma ja die Kaffeekanne leichter rausnehmen). Dadurch tropft natürlich der Kaffee aus dem Filter auf die Kredenz. Joe wird von der Putzfrau gebeten, das nicht zu tun, und der wischt auch die Patzer weg. und zwar – trara! – mit dem Geschirrtuch, das dann natürlich dreckig wird, und nicht mehr zum Abtrocknen des Geschirrs verwendet werden kann.

Mit anderen Worten: Die Graphiker können nicht mit ihm, die Verkäufer können nicht mit ihm, die Kunden auch nicht, und sogar die Putzfrau (!) hängt mit ihm. „Wir wollten ihm eine Chance geben“, bitten die Chefleute nachher um Entschuldigung. Sie sind entschuldigt. Denn wir Kollegen wissen dank ihm, was wir eigentlich aneinander haben.

Und das ist viel wert.