Zug 6850

Manche mögen es nicht bemerkt haben, aber vor wenigen Minuten, da passiert am Reumannplatz etwas, was ein Ereignis historischen Ausmaßes darstellt: Es fährt beim Reumannplatz Zug 6850 in Richtung Oberlaa ab. Was ist so besonders an Zug 6850? Zug 6850 ist – die letzte aller Straßenbahnen.

Zutiefst entsetzt ob dieses Ereignisses verhalten sich natürlich die Fahrgäste entsprechend. Denn nie wieder wird eine Straßenbahn fahren! Leer und verlassen sind die Gleise dazu verdammt, in der Favoritner Luft vor sich hinzurosten, überwuchert von Gras und Gestrüpp, zu ewigem Zufußgehen verdammt werden die Menschen der Stadt sein. Also sprinten die Aussteiger aus der U1 die Stiegen und die Rolltreppe hinauf, wahre Panik erfasst die Massen, die vom 7A, 66A und allen anderen Bussen noch zusätzlich angespornt von ihrem Unglück, es weiter zur Station zu haben als die privilegierten Fahrgäste der U-Bahn, während die Garnitur des Zuges 6850 erschüttert wird vom Trampeln von tausenden Füßen, denn den Leuten ist klar, dass sie entweder diesen Zug erwischen – oder niewieder irgendeinen. Also stürmen sie die Tramway, drängen, drücken, quetschen sich hinein, drücken mit aller Macht nach, heben ihr Gepäck über den Kopf, zwicken sich mit Schuhlöffeln zwischen die anderen Fahrgäste, in wilder Panik, stapeln sich sogar in mehreren Lagen oberhalb der Köpfe der anderen – ein Sprecher der Wiener Linien meldet mit gedämpfter Stimme mehrere Todesfälle – denn, das eine ist klar, und es kann in seiner Wichtigkeit nicht unterschätzt werden: Zug 6850 ist und bleibt … die letzte aller Straßenbahnen.

Vollgepackt ist der Zug, schnauft unter seiner Last, sinkt ein mitsamt den Gleisen im Boden der Station, als er sich schließlich in Bewegung setzt, in der Chassis diejenigen, die ihn erwischt haben, dieser Zug, der der letzte ist, denn nie wieder wird es nachher Straßenbahnen geben.

Vier Minuten später fährt Zug 3017 in die Station ein, Richtung Oberlaa. Auch Zug 3017 ist – die letzte aller Straßenbahnen.