Cool

Ich, stolzer Vater zweier stolzer Sprösslinge, ich habe ein Problem. Dieses Problem ist rein emotional gesehen eines der Sorte „warum immer ich“, rational gesehen natürlich hat das Problem wohl schon jeder stolze Vater mitmachen müssen. Mein Problem lässt sich relativ leicht mit Worten umreißen, die jedem, dessen Kinder bereits erwachsen sind, ein süffisantes Grinsen auf die Lippen zaubern, so nach dem Motto „Heute lachen wir drüber“. Diese Worte lauten:

Mein Sohn ist cool. Und mir – dem Erzeuger – bleibt das nicht erspart.

Es hat damit angefangen, dass der Taschengeldvorrat, den mein Kind auf die Seite gelegt hat, dahingeschmolzen ist. Und nicht irgendwie für teures Gewand, nein, das verachtet er, sondern für allerhand Dinge, die seiner Meinung nach „cool“ sind. Darunter war auch eine Packung Zigaretten, weil er sich eingebildet hat, Rauchen wäre „cool“. Nun, nachdem er sich nach seinem ersten Tschick halbert angespieben hat, hat er das Packel weggeworfen, und hat gemeint, Rauchen wär was für Prolos – ich habe mich wohlweislich jeglichen Kommentars enthalten.

Doch wäre es naiv gewesen, hätte ich geglaubt, dass es das war, oh nein, das war es noch lange nicht. Es ist hernach nämlich munter weiter gegangen, beziehungsweise ist mein Filius weitergegangen, und zwar den langen und beschwerlichen Weg auf der Suche nach sich selbst.

Haargel, Eintrittskarten für die merkwürdigsten Festeln, natürlich auch Ausgaben für Natron, Aspirin und Kohletabletten – wenn ihm nach dem Saufen wieder einmal schlecht wird – Geschenke, die er – so ganz nebenbei und natürlich total lässig – den Mädchen macht, die ihm gefallen, und auch allerhand Material, wenn er sich wieder einmal eine Hose umnäht, weil ihm das Ding so nicht „cool“ genug aussieht. Und hier leider auch hin und wieder eine neue Hose, wenn seine Versuche als Schneider katastrophal fehlschlagen … für das alles und noch andere Dinge, die ich jetzt takthalber einmal nicht erwähnen möchte, dafür geht sein Geld drauf. Und natürlich für die Runden, die er für seine Freunde schmeißt.

„Ist es eigentlich cool, kein Geld zu haben?“ „Papa, das verstehst du nicht.“ „Richtig, das versteh ich in der Tat nicht, das ergibt nämlich keinen Sinn.“ Böser Blick vom Sohnemann. Wenn der wüsste, wie sehr ich ihn verstehe. Ich würde nämlich lügen, würde ich behaupten, ich wär als Halbwüchsiger klüger gewesen. Und außerdem war mir – wie jetzt meinem Spross – nichts, aber wirklich absolut garnichts peinlich. Jetzt hat er sich nämlich seine Lieblingsjacke umgedreht angezogen, weil das schaut ja cool aus. Und dann hat er sich einen Ohrring stehen lassen, ohne Einverständnis seiner Eltern, weil das braucht er nicht, das wär ja nicht „cool“. Und so steht er also da, mit seiner umgedrehten Jacke, bei der die Jackentaschen wie Elephantenohren abstehen, und seinem übergroßen Flinserl im Ohr. Wie das aussieht, spottet einfach jeder Beschreibung.

Ich kann mich also einfach nicht mehr zurückhalten, und lache ihn aus. „Bub, sei mir net bös, aber – des is net cool, des is lächerlich.“ Überraschender Weise reagirt er garnicht eingeschnappt, sondern schaut selbstkritisch an sich herunter. „Findest?“ „Ja.“ Der Bub nestelt sich das Flinserl aus dem Ohr und wendet die Jacke wieder zurück. „Und was sagst, wenn dich deine Leut fragen, warumst das Flinserl nimmer hast?“ Er überlegt kurz: „Naja, die Wahrheit: Dass es zwar interessant ausgeschaut hat, aber grottenunbequem war.“ Da schau her! Es geht also doch. Irgendwie.

Er überlegt weiter. Dann schaut er mich an: „Du, Papa, ich will irg'ndwas haben zum Anziehen, was wirklich leiwand is, was sonst keiner hat, und auch keiner so leicht kriegen kann, was aber net irgendwie deppert is, sondern eben … cool, halt.“

Und in diesem Moment, wo er mir das sagt, da hab ich eine Idee. „Wart ein bissel“, sage ich zu ihm, und verschwinde in den Untiefen der Wohnung. Unter meinem Bett nämlich, da befindet sich seit ewigen Zeiten eine Reihe von Kisten mit allerhand Zeugs darin, meine alte Machete zum Beispiel. Und in einer dieser Kisten, da liegt – mein altes Kettenhemd. Dauerkonserviert mit einer dünnen Schicht Waffenöl, mit Trockungsmitteln in der Kiste, dass es auch ja nicht zu rosten beginnt. Dieses Kettenhemd, bestehend aus zigtausenden Metallringen und sieben Kilogramm schwer, dieses Kettenhemd überreiche ich meinem Sohn.

„Pass ja drauf, das Ding hat mich damals einen halben Monatslohn gekostet“, sage ich zu ihm, als ich es ihm gebe. „Cool“, quietscht er, und seine Stimme erreicht dabei kurzfristig wieder kindliche Höhen. Ich sage ihm noch, dass er unbedingt ein langärmeliges Leiberl drunter tragen soll, zeige ihm, wie man so ein Ding an- und auszieht, und mit stolzgeschwellter Brust und sieben Kilo schwerer zieht mein Sohn von dannen.

Ich hoffe nur, er versucht damit zu tanzen.