Lieber will ich tausend Tode sterben…

Bei einem Würschtelstand stehen zwei Männer. Der Stand selber steht neben einer Straße, die auf in einem alten Industriegebiets am Rand einer großen Stadt liegt, gut zwanzig Meter über der Straße liegt die Trasse einer Autobahnbrücke, wobei einer ihrer Pfeiler eben neben der Straße seinen Fuß hat, wo sich auch der Würschtelstand befindet. Einer der beiden Männer vor dem Stand hält dem anderen ein Bild unter die Nase. Hübsch, denkt sich der andere, ein schüchtern wirkendes Mädchen, sich an ihren Freund schmiegend, und es ekelt ihm davor, was der andere ihm anbietet. Ob der wohl eine Waffe hat, um seine Bitte auch notfalls mit einer Drohung unterstreichen zu können? Egal. Er wird ihm niemals nachgeben. „Lieber“, sagt er dem Kriminellen gerade ins Gesicht, „will ich tausend Tode sterben“, und er meint es ernst. Absolut ernst.

„Das tobende Chaos“, sagt der Würschtelstandler, „jenseits der Grenze zwischen Dunkelheit und Licht, der Jäger der Schatten, losgelöst von Zeit und Raum und doch darin gefangen, allmächtig und machtlos, das tote Leben und der lebende Tod.“

„Såg amål, wås sågst du då?!“, kann der Mann nicht packen, was der Standler soeben zu ihm gesagt hat. Oder hat er? Der bewegt nicht die Lippen. Der bewegt nicht die Augen. Er bewegt sich überhaupt nicht. Auch der Halbweltler ihm gegenüber hat immer noch das falsche Lächeln im Gesicht, doch sein Blick geht ins Leere. Die Neonröhren der Straßenlaternen leuchten nicht mehr, kein Licht geht mehr von ihnen aus, dennoch sind sie hell. Es ist, als ob das Licht einfach so in der Luft hängt. „Was in aller Welt…?“

Das tobende Chaos. Ein Ruf von jenseits von Zeit und Raum. Lieber tausend Tode sterben, lieber tausend Tode sterben, lieber tausend Tode sterben…

Stimmengewirr schreckt den Mann aus seinen Gedanken auf, und er bemerkt, inmitten einer belebten Straße zu stehen, also inmitten unter lauter Menschen, die ihn verschreckt ansehen. Irgendjemand ruft etwas, das er nicht versteht, und Bewaffnete laufen auf ihn zu, während die Zivilisten auf die Seite treten. Einer der Bewaffneten – sie sind alle mindestens einen Kopf kleiner als er selbst – schreit ihn an, und irgendetwas wird in seine Seite hineingestoßen. Von jäher Wut gepackt, dreht sich der Mann um, nimmt dem, der ihm gerade mit einem Gewehrkolben einen Stoß verpasst hat, die Waffe weg und schlägt damit um sich. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie jemand auf ihn anlegt, aber wegen des Getümmels offenbar nicht abzudrücken wagt, um seine Kameraden nicht zu treffen, die den Mann in ihrer Mitte wie verrückt anschreien und auf ihn eintreten und einschlagen, aufdass er zu Boden geht. Ein Lufthauch trägt ein Motorengeräusch heran, von fern, wie von einem hoch fliegenden Flugzeug.

Ein Lichtblitz durchfährt das Gehirn des Mannes, es scheint ihm, als hinter ihm jemand ein Licht audgedreht hätte, eines, das so stark ist, dass es durch seinen Kopf zu leuchten vermag. Eine gewaltige Erschütterung wirft den Mann, die auf ihn einschlagenden Soldaten und auch die Menschen um sie herum zu Boden, und unerträgliche Hitze erfüllt die Luft. Ein kurzer Moment von ultimativer Angst und Schmerz.

„Lieber will ich tausend Tode sterben.“

Als er die Augen öffnet, befindet er sich am Rande eines Feldes. Die Luft ist mild, der Himmel klar, es ist ein wunderschöner Tag. Erfreut sieht der Mann, dass auf dem Feld sich erste Sprösslinge ihren Weg nach oben durch das Erdreich bahnen, es ist wirklich ein erfreulicher Anblick. Aber wo ist er?

Er sieht sich um, weit und breit kein Mensch zu sehen. Ein paar Minuten wandert er durch die Gegend, bergauf, um einen besseren Ausblick zu bekommen, aber irgendwas ist merkwürdig, und dann fällt ihm auf, was: Die Vögel am Himmel ziehen alle nur in eine Richtung, sie scheinen zu flüchten, und dann kommen ihm die ersten Tiere entgegengelaufen, Hasen vor allem, aber zu seiner großen Verwunderung windet sich sogar eine Schlange aus der Erde und am ihm vorbei, in der Ferne kann er Rehe ausmachen – oder sind es Pferde? – die ebenfalls davonzulaufen scheinen. Sich keinen Reim darauf machen könnend, geht er einfach weiter. Vielleicht sieht er ja auf dem Berggipfel besser, auf dem offenbar eine menschliche Siedlung sein muss, weil dort Feuer brennt, und…

Der Mann nimmt die Beine in die Hand und schließt sich der örtlichen Fauna an. Scheiß Vulkan, kein Wunder, dass die davonhaxeln! Doch es ist zu spät: Eine gewaltige Erschütterung wirft ihn von den Füßen, hinter sich, vor sich, neben sich, über und unter sich hört er einen donnernden Knall und er fliegt durch die Luft. Irgendetwas drückt ihm die Luft aus den Lungen. Unfähig, zu atmen, Staub vor den Augen, schmerzender Donner in den Ohren, versucht er verzweifelt, die Muskeln anzuspannen, um dem Druck auf seinem Körper irgendetwas entgegenzusetzen, doch es ist umsonst. Schmerz durchfährt seinen Körper, als er seine Knochen brechen und Blut aus der aufgeschlagenen Haut spritzen spürt.

„Lieber will ich tausend Tode sterben.“

Er findet sich auf den Stufen eines eigenartigen Gebäudes sitzend wieder. Der Schmerz ist weg, seine Knochen offenbar ganz, kein Blut, kein Staub, kein Donner – wo ist er? Er schaut auf, doch oberhalb von ihm befindet sich kein Himmel, sondern ein hell leuchtender Plafond, der verdammt weit oben sein muss. Na denn, denkt er sich, und verlässt die Stufen des Tempelaufgangs, denn ein Tempelaufgang ist es wohl. Schaut wie ein Bild aus dem Geschichtsbuch über das alte Griechenland aus, denkt er sich, und versucht, sich in der eigenartigen Welt, in der er sich jetzt befindet zurechtzufinden. Wo ist er? Es gibt keinen Himmel, er sieht weit und breit kein Gras, und die Gassen scheinen Röhren zu sein. In eine der Röhren geht er hinein, und aus einer der Türen kommt jemand heraus, ein riesengroßer Mann, mindestens zwei Meter zwanzig, der ihn interessiert ansieht, als er seiner Gewahr wird. „Du, sag einmal, wo bin ich hier?“, bemüht der Mann sein schönstes Hochdeutsch. Der Riese schaut ihn fragend an. Dann macht er eine eigenartige Handbewegung, und eine Art Projektion taucht vor ihm auf. Er sagt etwas, dass der Mann nicht versteht. „Wås?“ Der Riese bewegt die Lippen und macht eine Handbewegung. „Ich soll was sagen?“ Der Mann macht die Bewegung noch einmal. „Aha, aber was? Na, wurscht, alle meine Entchen schwimmen über'n See, schwimmen über'n See, und den perversen Teil lass ich jetzt amal weg.“ „Willkommen im Staat Eolom“, sagt die Projektion auf einmal, zwar mit einem merkwürdigen Akzent, aber ganz eindeutig in einer Sprache, die der Mann versteht, „was ist dein Wunsch?“ Der Großgewachsene schlägt zufrieden die Hände zusammen. „Ja, zuersteinmal möchert ich wissen, wo ich bin.“ „Du befindet sich im Stadtteil Ke der Stadt Arat, vor dem Tempel der Träume, möchtes du weitere Information?“ „Ja! Ich möchert wissen, wie zurück nach Hause komme, ich wohne in der -“ Die Projektion erlischt. „Des kånn jetzt net sei!“, ärgert sich der Mann, „des kånn af°ch net sei!“ Sein Gegenüber scheint ebenfalls verwundert, und lauscht in die Röhre hinein, in der sie stehen. Das Licht geht aus, und der Boden beginnt, zu vibrieren.

Als sich offensichtlich eine Notbeleuchtung einschaltet, deutet der Grpoßgewachsene dem Mann, mitzukommen, und sieht verständnislos, wie eine glatte Front aus blauem Feuer auf ihn zukommt. „NĀ!“, schreit der Mann, „Z'erscht die scheiß Atombomben, dånn der Vulkan, und jetzt DES, i wüll nimma!“ Wusch, und alles ist aus.

„Lieber will ich tausend Tode sterben, lieber will ich tausend Tode sterben.“ Er findet sich dichtgedrängt unter einem Haufen nackter Männer wieder. „Wieso hast du noch dein G'wand an?“, fragt ihn jemand mit einem sehr vertrauten Akzent, „Du musst dich doch ausziehen“, „Geh, wer hat denn den reingelassen?“, „Immer dasselbe“, Stimmen reden durcheinander, der Mann schaut sich um, ein abgedichteter Raum, Duschköpfe auf einem Gestänge auf dem Plafond, von wilder Panik gepackt fängt er an zu brüllen.

„Lieber will ich tausend Tode sterben, lieber will ich tausend Tode sterben, lieber will ich tausend Tode sterben“, irgendjemand hat ihn beim Wort genommen, und der fürchterliche Krampf im Körper, das Ersticken und Vergehen, es ist nicht der letzte Tod. Lieber will ich tausend Tode sterben, lieber will ich tausend Tode sterben, das tobende Chaos, der Jäger der Schatten, losgelöst von Zeit und Raum und doch darin gefangen, allmächtig und machtlos, das tote Leben und der lebende Tod, es hört ihn und es nimmt ihn beim Wort. Mit wieder intakten Lungen findet er sich an Bord eines großen Flugzeugs wieder. Tausend Tode, tausend Tode, und es will und will nicht enden, Bergwerksstollen, Kugeln auf einem Schlachtfeld, in einem Bomber und als Bombenopfer unter diesem, eingeschlossen von Schlamm und Feuer, erschossen, verbrannt, ertrunken, erstickt, doch auch zerstrahlt, zerschmettert und verglüht in Katastrophen, die wohl noch kommen werden in ferner und naher Zukunft, tausend Tode, tausend Tode, tausend Tode!

Der Halbweltler mit dem Photo von dem hübschen Mädchen in der Hand taucht wieder auf. Mit weit aufgerissenen Augen und nackter Panik im Blick schaut er seinen Gegenüber an. Das Photo fällt auf den Boden, und er, immer noch mit irrem Blick, fängt an, zu kreischen. Dem Mann fällt auf, dass im Würschtelstand selber der Würschtelstandler ohnmächtig auf dem Boden liegt und schickt sich an, das Innere des Standels zu betreten, um ihm zu helfen, während der Halbweltler infernalisch zu brüllen beginnt und die Straße hinunterläuft, mitten auf der Fahrbahn. Ein LKW kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, und fährt den Mann über den Haufen.

Leichenblass und ganz offensichtlich schockiert über das, was soeben geschehen ist, verliert der Fahrer des Lastwagens nur wenige Sekunden, bis er sich wieder zusammenreißt, sein nach der Notbremsung zum Stillstand gekommenes Fahrzeug verlässt und zurückrennt, um das Unfallopfer zu versorgen, wobei er selber fast angefahren wird.

„Ā Unfålltoter, a påar Leichtverletzte, ā Bewusstloser, und a Haufen Leut, die nimmer gånz dicht sān – då muass irgendwås in die Würschtln drin gwesn sei“, sagt später ein Polizeibeamter zu seiner Frau, als er nach einer anstrengenden Schicht schließlich nach Hause kommt. Im Industriegebiet, in dem der Würschtelstand steht, geht jemand zu Fuß in Richtung der Innenbezirke, wo er wohnt. Von den Ärzten als in unbedenklichem Zustand befindlich eingestuft, hat er beschlossen, dass ein Fußmarsch ihm den Kopf am ehesten wieder klar machen wird. Lieber will ich tausend Tode sterben… Ja, denkt sich der Mann, ja, das ist wahr. Und würde er erneut vor die Wahl gestellt werden, er würde wieder so entscheiden.

Zwei Tage später nimmt sich der Würschtelstandler das Leben, einen Tag darauf ein Nachtwächter eines nahegelegenen Baustofflagers.