Das ultimative Chaos. Das Zentrum der Ewigkeit. Energie. Roh und strukturlos. Information. Bewusstsein. Mit der Geschwindigkeit von Gedanken wird es aus der Unendlichkeit herausgeschleudert, und, zu voller Größe aufgebläht, prallt es in ein Proton hinein, von Gedanken in einen Winkel des Universums gezogen, dem es nicht ausweichen kann…

Die Stadt der Toten

Erde, fester Erdboden. Feuchtigkeit, die nicht entkommen kann. Eine weitere Schicht Erde, diesmal dringt Luftsauerstoff in sie ein. Abrieb von Schuhsohlen. Die Luft ist muffig und feucht. Ein hölzerner Balken. Seit hundertfünfzig Jahren ist er schon dort, wo er jetzt ist. Immer noch trägt er. Lange noch wird er tragen. Querbalken, Mauerwerk, Estrich. Ein alter Linolboden. Staub. In der Ecke des Raumes lehnt ein Besen mit Kunststoffborsten. Die Borsten sind gelb, der Besen abgenutzt, das weiße Plastik des Besenkopfes schon lange angelaufen. Die Besenstange ist billiges Blech, gehüllt in roten, elastischen Kunststoff, in dem das Blechrohr wie in einer Hülle steckt. Reste von Schweiß.

Brüchiger Kunststoff eines Sicherungskastens. Ein Magnetfeld, spröd gewordene Kunststoffummantelungen – die Elektronen im Draht werfen aus dem Raum, was sich so unbedarft zwischen sie verirrt.

Im Gang daneben stehen zwei Frauen einem alten Mann gegenüber. Der Mann hat nurmehr wenig Haar, eine Brille, und keinen Bart. Über Gott wollen sie mit ihm sprechen, so sagen die beiden Frauen. Der alte Mann trägt einen Straßenanzug und Lederschuhe. Er hört zu. Wann er denn geboren worden sei, wollen die beiden wissen. „Oh“, erwidert der alte Mann, „das ist so lange her – da kann ich mich nicht mehr daran erinnern…“

Ein verblichenes Photo im Zimmer des alten Mannes. Eine Frau mit nach hinten in einem Knoten zusammengebundener Frisur. Er hat sie sehr geliebt. Ihren Tod überwindet er bis heute nicht. Doch dieses heute, es ist tot.

Ein Ziegeldach. Die Lufströmungen treiben alles, was sie mit sich führen, durch die Stadt. Auf einem Kinderspielplatz schaukelt ein Kind auf einer Wippe. Auf und ab, auf und ab, auf und ab, monoton. Der gegenüberliegende Platz auf der Wippe ist leer. Es stört das Kind nicht. Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Das lautlose Lachen auf dem Gesicht des Kindes unbeweglich, das Kleidchen flattert nicht im Wind, der nicht weht. Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Ein lautloses Lachen. Ein kräftiges Hundehalsband auf dem Weg neben dem Spielplatz. Ein Mann mit einem Aktenkoffer, der zwei Häuserblocks weiter über die Straße geht. Er ist in Gedanken versunken. Ein schwaches rotes Nachleuchten der Ampel, über die er geht, hat sich in Zeit und Raum erhalten. Er achtet nicht auf den Straßenverkehr um ihn herum.

Der Versuch einer Manifestation. Auf dem Gehsteig formt sich Dunkelheit zu einer menschlichen Gestalt, von der man nur die Umrisse sieht. Zwei Versuche, dann ein Aufgeben – die Umrisse der Gestalt verfließen wieder. Im dritten Stock lehnt sich eine Frau neugierig aus dem Fenster. Sie sieht den Dämonen nicht, sie schaut, was es denn auf der Straße gibt, dort, wo der Mann mit dem Aktenkoffer über die Straße geht. Steht. Geht. Sich bewegt, und in seiner Bewegung stillsteht. Er ist tot. Sie sind alle tot.

Tobend und heulend steigt es in die Wolken hinauf.

Doch rasch verschwindet die Kraft, die Schwerkraft zieht wieder nach unten, der Wind verweht. Wächserne Gestalten in den gähnend leeren Wohnungen und Straßen. Ein Einschlag im Wasser eines großen Flusses. Zuwenig Kraft für mehr. Das Bewusstsein der eigenen Schwäche.

Beim Aufgang zu einer Brücke sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Ihr gegenüber steht jemand, und hält ihr Kinn in seiner warmen Hand. Das heißt, er hält die Hand dort, wo ihr Kinn ist. Er kann sie nicht berühren. Sie ist tot. Und so steht er, ihr gegenüber. „Hast du eine Zigarette für mich?“ Niemand spricht diese Worte aus. Tonlos hallen sie in Zeit und Raum – ein Echo von Dingen, die waren. Auf dem Weg, der unter der Fahrbahn für den Straßenverkehr liegt, neben dem Tunnelquerschnitt für die Untergrundbahn, um den die Brücke herum gebaut ist, ein erneuter Versuch einer Manifestation. Er gelingt nicht einmal ansatzweise: Die Luft bleibt klar, keine Gestalt formt sich im Zwielicht. Der Mann hebt den Kopf. Kann er Nichts sehen?

Er wirft noch einen letzten, liebevollen Blick zu dem Schatten, der an der Wand kauert, und nähert sich dann. Kein Schatten. In vielleicht zwei Metern Entfernung bleibt er stehen, mit verschränkten Armen. Er ist es nicht gewohnt, hier gestört zu werden.

Ein Gedankensprung. Eine Straßenbahnlinie fährt eine Straße entlang. Auch sie existiert nicht mehr, ist aufgelassen worden, vor langer Zeit. Gleichgültig betritt der Mann ein Haus, das verschlossene Haustor öffnet er. Existiert das Schloss noch? Erinnerungen, Erinnerungen. Nichts von dem hier ist gegenwärtig.

Die Wohnungstür ist verschlossen. Mit einigem Unbehagen geht er durch die verschlossene Tür. Am Ende des Ganges ist ein Wohnzimmer. Ein älterer Mann stitzt dort, gegenüber einem Schachbrett. Der junge Mann setzt sich ihm gegenüber auf einen gepolsterten Schemel, und seufzt. Alles ist sehr ordentlich und sauber, ein Geruch nach Möbelpolitur und … Schnittblumen? Abermals seufzt der junge Mann, und verlässt den Ort.

Eine Schnellstraße, die sich wie ein Bogen um die Innenbezirke der Stadt legt. Es ist amüsant, mitten auf der Straße zu gehen, und zu beobachten, was es so alles gibt. „Möglicherweise war Essen nicht mehr ganz frisch“, ist der Kommentar zu einem Mann, der, unweit eines Imbiss-Standes, auf dem Boden sitzt. Alte Leute vor dem Fernseher hinter zugezogenen Vorhängen in den Wohnungen. Opfer von Messerstechereien. Eine Abzweigung ins Rotlichtmilieu. Warum nicht? Ein erneuter Versuch einer Manifestation. Diesmal gelingt er. Irgendetwas hier nährt die sich manifestierende Gestalt. Der Lebende hält den Unsterblichen zurück. Auf dem Straßenrand steht eine junge Frau. Mit fahrigen Bewegungen zieht sie an einer Zigarette. Und wieder. Und wieder. Die Zigarette verbraucht sich nicht. „Nein. Nein. Das hast nicht einmal du verdient!“

Ein weiterer Zug an der Zigarette. Die Augen sind glasig. Eine hübsche Frau ist sie geworden, seit damals, als er sie das letzte Mal sieht. Schon damals hat sie ihr Leben nicht unter Kontrolle, neigt dazu, Menschen, die zu ihr halten, zu bekämpfen, und denen, die sie benutzen, hinterherzulaufen. Doch dieses Schicksal hat nicht einmal sie verdient.

Genug gesehen für heute. Die Manifestation hingegen nimmt an Kraft zu. Und der Mensch verschwindet, die Frauensgestalt verschwindet, der Himmel tost und die Zeit verändert sich, heulend und tobend, und schließlich – sind die Häuser und Straßen voll von Gestalten. Der Nachthimmel ist taghell erleuchtet, große Maschinen ziehen über den Himmel, Brand- und Sprengsätze abwerfend, und Uniformierte ziehen durch die Straßen, bewaffnet, und töten Angehörige des Volkes, das sie ja als so über alles erhaben propagieren – nur um dann von anrückenden Truppen niedergestreckt zu werden. Tote, Tote, die Stadt ist voll mit Toten!

Die Kraft verschwindet, der Fall führt zurück in die Vergangenheit der Gegenwart, auf einen Punkt oberhalb der augestreckten Handfläche eines Lebenden. „Wieso ich hier bin? Ja, wie kann ich denn hier sein, wenn ich garnicht hier bin?“ Der Lebende dreht sich um und geht. Er verlässt diesen Ort, oder eher: Der Ort verlässt ihn. Wird von ihm zurückgelegt, zurückgelegt von einem, der die Wahl hat, wohin er gehen möchte. Der Dämon bleibt zurück. Er ist körperlos.