Liebe Kinder, GEHT'S MIR NICHT AUF DEN SENKEL MIT EURER WEIHNACHTS-WUNSCHLISTE, VERDAMMT! Wisst's ihr eigentlich überhaupt noch, welchen Wert es hat, von wem was geschenkt zu kriegen? Und da ihr das offenbar nicht wisst, werde ich euch einmal eine Geschichte erzählen, wie sie mir mein Großonkel – also der Bruder meiner eigenen Oma – erzählt hat. Der hat nämlich einmal zu Weihnachten etwas geschenkt bekommen, das sein Leben verändern sollte; es war wohl das wichtigste Geschenk seines Lebens.

Das Weihnachtsgeschenk für Großonkel Hubert

Euren Urgroßonkel Hubert, nein, den habt ihr nicht mehr gekannt. Der ist etliche Jahre vor euren Geburten gestorben. Doch auch dieser – in meiner Erinnerung stets alte – Mann war einmal ein kleiner Lausbub von acht Jahren. Und als er so alt ist, da ist der Zweite Weltkrieg erst seit wenigen Monaten vorbei. Die Not ist groß, und mein Urgroßvater – also der Papa von meinem Großonkel Hubert, und natürlich auch von meiner Großmutter – und meine Urgroßmutter leisten großes, um ihren Kindern alles zu geben, was diese brauchen. Und irgendwann, an diesem Dezember 1945, da steht wieder Weihnachten vor der Tür.

Euer Urgroßonkel Hubert ist nun das, was man schon seit jeher als richtigen Lausbuben bezeichnet. Seine Eltern ermahnen ihn: „Pass auf, Hubert, sei brav, sonst ärgert sich das Christkind, wie schlimm du bist, und du kriegst nix zu Weihnachten“, und der Hubert, ja, der gibt sich wirklich Mühe, brav zu sein. Zumindest für seine Verhältnisse.

Also steht er am Weinachtsabend, an diesem 24. Dezember 1945, da: Frisch gewaschen, ein sauberes Gewand, geputzte Schuhe, geschneuzt, frisiert, die Zähne geputzt, und wartet auf das Christkind. Reines Gewissen hat er.

Zugegeben, es hat da einige Dinge gegeben, wegen denen er sich Sorgen machen könnte: Zum Beispiel die Zuckerln aus der Dose in der Küche. Da hat er nämlich zwei gefladert und gegessen, mei, waren die gut! Aber seine Eltern haben sicher nix gemerkt, weil er hat ja ein Stockerl aus dem Vorzimmer genommen, es auf die Kredenz gestellt, ist dann über geöffnete Laden wie auf einer Leiter auf die Kredenz, dann auf's Stockerl, und hat sich die Zuckerln genommen. Ehr nur zwei. Und da er nachher alles wieder fein säuberlich in Ordnung gebracht hat, macht er sich auch keine Sorgen. Schimpfer von seinen Eltern hat er auf jeden Fall einmal nicht bekommen, die können es also unmöglich gemerkt haben. Gut, sie sagen zwar, das Christkind sieht alles, aber das Christkind muss auf so viele Kinder schauen, das hat das sicher nicht gemerkt.

Dann war da auch noch die Sache mit dem Zaun, wo er mit dem kaputten Radl, das er gefunden hat, volle Wäsch reingedonnert ist. Aber er hat ihn nachher eh wieder aufgestellt, und das Radl dann auf einen Trümmerhaufen gelegt, auch das haben seine Eltern nicht gemerkt.

Auch das Loch im Plafond im Vorzimmer ist von ihnen nicht entdeckt worden. Da hat er nämlich einen Stein in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Einmal aber hat er zu kräftig geworfen, und da ist der Stein gegen den Plafond geknallt, hat einen Deppscher in den Verputz gemacht. Aber auch das haben seine Eltern nicht gemerkt, und – die anderen Sachen auch nicht. Und weil der Hubert ja sonst eh brav war, macht er sich wegen Weihnachten keine Sorgen. Und so steht er also, mein Großonkel, euer Urgroßonkel, der kleine, acht Jahre alte Lausbub Hubert, im Vorzimmer, zusammen mit den Geschwistern und der Mutter, und warten auf das Christkind. Der Vater ist kurz weg, er muss noch kurz das Haustor unten zumachen, das hat er beim Heimkommen vergessen.

Im Wohnzimmer läutet ein Glockerl, ganz hell – das Christkind war da!

„Wir warten auf den Vater“, bestimmt meine Urgroßmutter, und hält die immer ungeduldiger werdenden Kinder zurück. Schließlich sind Schritte zu hören, die die Stiegen hinauflaufen. Die Wohnungstür geht auf, der Vater – mein Uropa, euer Ur-Uropa – kommt herein. „Das Haustor ist wieder einmal nicht richtig zugegangen“, entschuldigt er sich bei seiner Frau, „ich habe geschaut, dass es gescheit zu ist, damit es nicht im Stiegenhaus zieht.“ Er überschaut die Kinderschar: „Kinder“, sagt er feierlich, „war das Christkind schon da?“ „Ja, Papa, du hast es verpasst“, stellt meine Großtante Annemarie fest. „Gut, Kinder, dann hoffen wir, dass es sich in unser Wohnung wohlgefühlt hat, und hoffen wir auch, dass ihr alle brav wart, und euch das Christkind etwas Schönes dagelassen hat.“ Und dann geht er voran, und öffnet die Tür zum Wohnzimmer…

Es ist überwältigend! Vor meiner Großmutter und ihren Geschwistern tut sich eine unbeschreibliche Pracht auf! Alles ist geschmückt, mit Bändern und Strohsternen, und überall stehen kleine Kerzerln, und erfüllen den ganzen Raum mit einem warmen, festlichen Licht. „So viele Kerzen angezündet“, ist meine Urgroßmutter doch leicht entsetzt, doch mein Urgroßvater lächelt nur, und sagt: „Weihnachten, Fini, Weihnachten“, und alles ist wieder gut. Meine Urgroßeltern stehen da, umringt von ihren Kindern, und alle bestaunen das Wunder, das ihnen das Christkind gebracht hat.

Meiner Urgroßmutter steigt ein eigentümlicher Geruch in die Nase. Misstrauisch geht sie zu dem Tisch, auf dem das Weihnachtsessen steht. Sie reißt einen metallenen Sturz weg, der auf einem großen Bratentablett steht. Was sich darunter befindet, verschlägt ihr den Atem: Ein großes, saftiges, mehrere Kilogramm schweres, gewürztes und gebratenes – Stück Fleisch, wahrer Reichtum in den Zeiten der Not. „Weihnachten, Fini, Weihnachten“, lächelt mein Urgroßvater, mit Freudentränen in den Augen genau wie seine Frau, die sich zärtlich und dankbar an ihn schmiegt. Und die Kinderschar freut sich mit.

„Kinder“, sagt meine Urgroßmutter zu meiner Oma und ihren Geschwistern, „und jetzt schaut einmal, was euch das Christkind gebracht hat.“ Meine Urgroßeltern sitzen, zärtlich aneinandergeschmiegt, und beobachten ihre Kinder dabei, wie sie ihre Weihnachtsgeschenke auspacken. Die Annemarie, die Älteste, bekommt ein Buch, der Großonkel Maximilian bekommt einen dicken Pullover, damit er im Winter keinen Schnupfen mehr bekommt, die Großtante Elisabeth bekommt neue Schuhe, die sie sofort anprobiert, der Großonkel Franz bekommt ein neues Federpenal, seine kleine Schwester – die später einmal meine Großmutter werden wird – bekommt eine Puppe (die sie übrigens bis zum heutigen Tag hat), und der Kleinste, der Hubert, der kriegt…

Ja, das ist jetzt so eine Sache. Denn so sehr er sich auch Mühe gibt, er kann sein Geschenk nicht finden. Wo ist es? „Ja, Hubert, wo ist dein Geschenk?“, fragt mein Urgroßvater seinen kleinsten Sohn. Der schaut seinen Vater irritiert an. „Hab's nicht gefunden“, gibt er zu. „Was ist denn?“, will die Mutter wissen. „Der Hubert findet sein Geschenk nicht“, berichtet ihr der Vater. Mittlerweile sind auch die Geschwister auf das Problem ihres kleinsten Bruders aufmerksam geworden. „Vielleicht is irgendwo anders im Zimmer?“, meint die Annemarie. „Blödsinn“, erwidert der Franz, „warum sollte das Christkind das woanders hingelegt haben als unsere Sachen?“ „Na“, schlägt die Urgroßmutter vor, „dann helfen wir ihm doch suchen!“ Doch es hilft alles nichts, und bald schon wird es zur Gewissheit:

Der Hubert hat nichts bekommen.

Kein Packerl, kein Penal, kein Pullover, kein Buch, kein Stofftier, kein Schachterl mit einem Zettel drauf, auf dem „Hubert“ steht. Da steht er also, der kleine Großonkel Hubert, inmitten all der Lichter, inmitten all der Düfte, inmitten all der Freude, Pracht und Herrlichkeit – und hat nix gekriegt.

Tränen beginnen, aus seinen kleinen Augen zu rollen, und tropfen auf die Spitzen seiner geputzten Schuhe. „Aber Hubert“, meint die Mutter zärtlich, und nimmt ihren Kleinsten in die Arme, „du brauchst doch nicht weinen“, und auch der Vater kommt, um seinen Jüngsten aufzumuntern: „Dafür kriegst auch ein besonders großes Stück vom Braten, hm?“ Doch es hilft alles nichts. „Ich war so schlimm, und daram hat mir das Christkind nix gebracht“, weint der kleine Bub bitterlich. „Aber wieso? Ich mein, du warst nicht der Bravste, das ist schon richtig, aber gar so schlimm warst du jetzt aber auch wieder nicht.“ Hubert verneint. „Oja, ich bin schlimm gewesen, ganz schlimm, wirklich!“, schluchzt der Kleine. „Was hast du denn so Schlimmes getan?“ Unter Tränen gesteht der Huber all seine Missetaten, er erzählt von den gefladerten Zuckerln, von dem eingerannten Zaun, vom Loch im Plafond vom Vorzimmer, das eingeschlagenen Kellerfenster, das Zündeln im Keller, dass er dem Hund vom Heinemann mit roter Farbe angeschüttet und dann Angst gehabt hat, dass sie ihm draufkommen und alle eingesperrt werden, und dieses und jenes, und noch vieles mehr. „Und, und, und, und das Christkind, das Christkind, das hat alles gesehen, und es jetzt hat es mir nichts geschenkt!“ Heiße Tränen fließen über das Kindergesicht.

Der Urgroßvater geht ins Vorzimmer. „Tatsächlich“, sagt er, als er zurückkommt, „da ist ja wirklich ein Schaden im Plafond.“ Reumütig und zutiefst verzweifelt blickt sein kleiner Sohn ihn an. „Aber Hubert“, sagt er nur zärtlich, und nimmt seinen Kleinsten in die Arme, „das ist alles unwichtig. Weihnachten ist, Bub, Weihnachten.“

Der Hubert kriegt tatsächlich das größte Stück vom Fleisch, und auch seine Geschwister sind heute besonders freundlich zu ihm. Die Mutter gibt ihm dann zum Schluss das Glas mit den Zuckerln aus der Küche, damit er es unter sich und seinen Geschwistern aufteilt, was er auch tut, wobei er peinlich genau schaut, dass er auch wirklich zwei weniger bekommt als seine Geschwister.

Weihnachten, das Fest der Liebe. Das haben ihm seine Eltern an diesem 24. Dezember 1945 gezeigt. Sie haben ihm gezeigt, dass sie ihn lieb haben, und dass das wichtiger ist als gefladerte Zuckerln, ein roter Farbbatzen im Fell eines Hundes, ein eingedrückter Zaun, ein Loch im Plafond, Regenwürmer in den Stiefeln vom Hausmeister, verstellte Uhren, mit Schmierseife präparierte Gehsteige, in die Hausfassade gekratzte Schimpfwörter, und sogar wichtiger als eine Katze, die man vom Dach eines Hauses auf das Pferd eines Fuhrwerks wirft, wodurch sie auf dem Pferd landet, sich in diesem festkrallt um nicht abzurutschen, wodurch das Pferd dann erschrickt und durchgeht…

Der Hubert, mein Großonkel, euer Urgroßonkel, der ist natürlich im Alter von acht Jahren nicht stehengeblieben. Er ist aufgewachsen, hat geheiratet, selber Kinder und Enkelkinder bekommen, und vor etlichen Jahren ist er, nach einem erfüllten und guten Leben, gestorben. Ich habe ihn Zeit seines Lebens stets als Menschen erlebt, der vor allen anderen Qualitäten zuallererst anständig war. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Denn – das hat er mir selber erzählt – der Umstand, wegen seines Benehmens zu Weihnachten leer ausgegangen zu sein, das hat ihm so einen Ruck gegeben, dass er von da an auf Anstand größten Wert gelegt hat.

Schreibt es euch hinter die Ohren, liebe Kinder.