Späte Rache

Es ist halb fünf Uhr in der Früh. In einem Wohnzimmer irgendwo in dieser Stadt sitzen einander zwei schon etwas ältere Menschen gegenüber, an zwei Seiten eines großen Wohnzimmertisches. Kein Licht brennt.

Stille.

Auf der Tischplatte liegt ein Mobiltelefon. Stille. Stille und Warten. Schließlich leutet das Telefon. Ich nehme den Anruf an. Gütig nickend nehme ich zur Kenntnis, was man mir auf dem anderen Ende der Leitung so aufgeregt zu erzählen hat. Der Anruf wird beendet. Ich lege das Telefon weg. „Und?“, fragt mich, sehr neugierig, die Mutter meiner Kinder. „52 Zentimeter, 3,8 Kilo.“ Unsere Tochter ist gerade von einem gesunden Mädchen entbunden worden. Die Mutter meiner Kinder grinst, von einem Ohrwaschel bis zum anderen: „Schlag ein, Mann!“, und wir schlagen ein. Schadenfroh kichernd, zieht sie sich zurück, um sich noch ein paar Stunden hinzulegen, ich tue das nicht; ich bleib lieber sitzen, lehne mich bequem zurück, und lasse – Revue passieren:

Mein liebes Töchterlein hat also geworfen, und wir, ihre Eltern, sind nun ganz offiziell Opa und Oma.

Ach, was haben wir nicht alles mitmachen müssen, mit unserem kleinen Menscherl: Die dauernden Wickeln in der Schule, ihre skurillen Einfälle im Kindergarten, ihre absolute Respektlosigkeit vor physisch stärkeren („Siehst du die Faust da? Die riecht nach Friedhof. Vor der anderen fürcht ich mich selber.“) später in der Schule – die Liste ist eine lange. Zu lang, um sie einfach so aufzuschreiben, beziehungsweise: Was sie als Halbwüchsige aufgeführt hat, habe ich bereits verdrängt, und weigere mich, es hier aufzuschreiben.

So bin ich also Großvater geworden. Und meine tapfere Weggefährtin Großmutter. Was haben wir nicht alles mitmachen müssen mit unserem werten Nachwuchs. Auch mein Sohn hat eine Frau gefunden, die – im dramatischen Gegensatz zu allem, was vorher war – sogar etwas taugen würde, wobei: Ganz dicht kann sie nicht sein, das ist niemand, der sich freiwillig mit einem unserer Kinder einlässt. Ich kenne mich, ich kenne meine Frau, und die sind unser Nachwuchs. Wir können nichts dafür, keine gewöhnlichen Menschen zu sein, dementsprechend wachsen auch unsere Kinder auf. Meine Sohnemann zum Beispiel, als ich ihn eines Freitagabends mit Hausverbot belege: „Nix da, du gehst gefälligst fort und machst die Nacht durch, da hast du Geld, und wenn du nicht in mindestens zwei verschiedenen Nachtlokalen warst, kürz ich dir das Taschengeld, auf was wartest du noch, raus mit dir!“ Damals ist er fünfzehn, und verbringt meiner Meinung nach viel zu viel Zeit zu Hause. Außerdem möchten ich und meine Beste wieder einmal ungestört übereinander herfallen können. Ohne irgendwelche halbwüchsigen Gfraster, die laut „Zu-ga-be, Zu-ga-be!“ rufen, wenn sie es trotz aller Heimlichkeit mitbekommen.

Unsterblich auch der Dialog zwischen den beiden weiblichen Familienmitgliedern über die Wichtigkeit von Verhütung: „Wennst jeden Trottel über dich drüberlasst, kriegst einen Tripper oder wirst geschwängert, und dann kriegst ein Trottelkind, das mit drei Jahren immer noch nicht gehen kann, und dir in die Wohnung scheißt.“ Das entsetzte Schweigen meiner damals halbwüchsigen Tochter wird mir ewig in Erinnerung bleiben, nicht zu reden davon, dass sie tatsächlich ab diesem Zeitpunkt ihre Burschenbekanntschaften mit mehr Bedacht auswählt, und auf Verhütung absolut besteht. Es ist das einzige Mal, dass sie in diesem Alter wirklich voll und ganz auf ihre Mutter hört.

Das Auto, aus dem mein Bub einen Totalschaden macht. Warum es mich nicht juckt? Es ist eh nicht seins, und sowohl er als auch seine Freunde sind so blunzendicht, dass sie eh nimmer mit Sicherheit wissen, wer am Steuer gesessen ist, und auch wenn ich da so meinen begründeten Verdacht habe – bis heute wissen wir nicht, wer schuld ist. Aber – ist das denn wichtig? Der Vater des Freundes, dem das Auto gehört, zahlt.

Erinnerungen über Erinnerungen…

Und jetzt, ja, jetzt sind ich und meine tapfere Gefährtin Großeltern geworden. Und sobald unsere ersten Enkerln in die Pubertät geraten und uns der erste Hilfe-Anruf unserer Kinder erreicht, lassen wir die Sektkorken knallen.