Über die Romantik von Klopapier

Ich stehe in einem Autobus am Abend eines nasskalten Tages und neben mir sitzt die Mutter meiner Kinder. Sie sitzt da, in ihrem schwarzen Filzmantel, die Kapuze desselben tief ins Gesicht gezogen und irgendwo inmitten der Vermummung von Kapuze Schal und Haarfransen, da weiß ich, dass zwei Augen finster in die Welt hinaus glühen. Unsere Beziehung ist in tödlicher Gefahr, und sowohl ihr als auch mir geht es entsprechend beschissen.

So sitzen wir nebeneinander … nein. Ich sitze nicht. Ich stehe. Der Mantelaufschlag eines über fünfzehn Kilogramm schweren Ledermantels unter dem kahlrasierten Kopf, der Blick streng, mit Stiefeln und Handschuhen und Dreitagetagebart. Die Leute weichen mir aus.

„Ich habe keine Kinder, meine Kinder haben mich…“ Das ist ein „Standard-Fluch“ von meinem eigenen Vater, wenn wir Kinder ihm zu extrem auf die Nerven gehen, was soll ich sagen?, ich bin drauf und dran, eines davon zu liquidieren. Halt ihr einfach die Waffe an den Kopf und drück ab. Weg mit der depperten Bichsen.

Eine etwas korpulentere Dame mit viel Gepäck steigt ein in den Bus, sie wird in mich hineinrennen, wenn ich nicht ausweiche. Eine zackige Bewegung, und ich bin aus dem Weg. Entsetzt sieht sie mich an. Es gibt Zustände, in denen sollte man nicht unter Menschen gehen, und sowohl ich als auch die Mutter meiner Kinder befinden uns jetzt in einem solchen. Was auch immer wir jetzt ausstrahlen, es schreckt die Leute.

Und ja, es ist wirklich so schlimm.

Die Mutter meiner Kinder sitzt da, ein unkenntlicher schwarzer Knödel aus Filz, Wolle und Leder, neben ihr stehend ein Scherge aus einer dunklen Dimension. Meine halbwüchsige Tochter versucht, ihre Eltern auseinander zu bringen, und behauptet, ich würde meine Frau betrügen, fälscht Beweise – und die blöde Gurken von meiner Frau glaubt ihr das auch noch. Ich hasse halbwüchsige Mädchen, sie sind das Schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen kann, und ich habe doch tatsächlich geglaubt, selber gegen die elementare Bösartigkeit, die sie darstellen, immun zu sein.

Vielleicht bin ich das auch. Aber meine Gefährtin ist es nicht. Und genau da setzt dieser kleine Abschaum an, weil sie weiß, wenn es etwas gibt, was diese Frau, mit der ich soviel habe durchstehen müssen – und sie natürlich auch mit mir – in der Tiefe ihrer Seele ängstigt, dann, hintergangen zu werden.

Erinnerungen kommen in meinen Sinn, Erinnerungen lange vor der Geburt unseres ersten Kindes, Erinnerungen an eine Zeit, in der wir noch nicht einmal richtig zusammen sind, die Meinige und ich, wie sie zum ersten Mal in meiner Wohnung ist, ich meinen Ledermantel ablege, sie das schwere Leder des Mantels begutachtet, versucht, ihn zu heben – und dann sagt: „Das ist ein Panzer.“

Sie hat Recht, und genau diesen Panzer habe ich jetzt an, und er ist geschlossen und dicht. Sie, diese komische Frauensperson, sie versteht Aspekte an mir, die sonst niemand kapiert, aber ist auch umgekehrt so: Niemals vergesse ich, als sie sich mir zum ersten Mal nackt zeigt. Steht in ihrem Wohnzimmer, breitbeinig, nackt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, mit herausforderndem Blick. Ich lasse den meinen ganz ungeniert über ihren Körper schweifen, beobachte die feinen Häärchen zwischen Nabel und Schamdreieck, die sich aufstellen in der Kälte, ein urzeitlicher Mechanismus, von dem es kein Wunder ist, dass er sich bei den Temperaturen hier aktiviert. Ich schaue sie mir an, diese Frau, sehe ihr in die Augen, nehme sie in die Arme, und sage zu ihr:

„Bei mir soll dir nie kalt sein.“

Wenn ein Mensch weint, ist das manchmal ein sehr gutes Zeichen, so ist es, als ich sie damals zu mir drücke, so ist es, als ich meinen Mantel an der Angel von der ausgehängten Tür hängen sehe, weil ein Haken in der Wand das Gewicht nicht aushält… manchmal werden eben sehr wunde Punkte berührt. Ich erzähle meinem Vater damals von ihr, schüttle über sie den Kopf, und er sagt zu mir: „Das ist sie.“ „Wås?“ „Bleib dran an der.“ „Du, Våter, –“ „Bleib dran an der. Bub, tu was ich dir sag, bleib dran an der.“ „…“ „Tu es.“

Ich tu es. Und verdammt, es ist nicht leicht, mit einer Frau zusammen zu sein, die der Meinung ist, dass die Welt als Ganzes und in ihrem Wesen schlecht und bösartig ist. Ich kann sie verstehen.

Also beschließe ich, ihr das Gegenteil zu beweisen, und schwöre den heiligsten aller Eide, ohne, dass ich ihr je davon erzähle, ich schwöre bei der Wahrheit meiner Existenz, ich schwöre mich an ihre Seite, schwöre, dass ich durch jede Hölle gehen werde für sie.

Und genau das tu ich jetzt ja auch.

Sie hat einen für sie über alle Maßen wichtigen Gegenstand, in hebräischer Schreibweise ist mein Name seit vielen Jahren darauf eingraviert. Ich sie betrügen? Wie kann sie nur glauben, dass das überhaupt möglich ist! „Wir sind da“, sage ich zu ihr, und sie steht auf und steigt mit mir aus.

Es ist eine Brücke über den Wienfluss, ein nasskalter, unangenehmer Tag, und ich bleibe stehen. „Hier“, sage ich, ein verächtliches Schnaufen ist die Antwort. Ich lehne mich ans Geländer und beobachte die Szene. „Unter uns“, höre ich eine Stimme, die die meine ist, „fließt ein Rinnsal aus Abwässern und Schmelzwasser, Fusseln von aufgelöstem Klopapier haben sich am Rand der Rinne abgesetzt, neben uns donnert der Verkehr einer der meistbefahrenen Straßen der Stadt, die Luft is nasskalt, der Himmel trüb, es ist ein wirklich scheußlicher Tag am unromantischsten Ort, den ich mir überhaupt nur vorstellen kann. Außerdem sehe ich weder dein Gesicht, noch deine Figur, und du bist in einer Laune, mit der man ganze Völker ausrotten könnte… ich habe also alle Faktoren ausgeschaltet, die mich in irgendeiner Weise für dich einnehmen könnten. Und damit ist das genau der richtige Ort, um dir etwas elementar Wichtiges zu sagen…“ Sie sieht mich an, ich sehe sie an, und ich sage ihr genau drei Worte.

Bumm.

Eine Kapuze wird zurückgeworfen, sie sieht mich an, sieht in mich hinein, direkt bis in die geheimsten Winkel und Tiefen meiner Seele, als ich so dastehe, an diesem unromantischsten aller vorstellbaren Orte, gekleidet in Lagen aus Leinen und Leder, durch die kein Kampfmesser durchkommt, und sieht mich an. Lange. Ich glaube, die Angst steht mir ins Gesicht geschrieben.

Auf einmal durchwühlt sie ihre Manteltaschen, drückt mir einen Gutschein in die Hand. „Du, kannst du den für mich einlösen?“ „Was brauchst du denn?“ „Der verfällt bald, irgendwas, ich will nur nicht das Geld verlieren, und – versteh mich nicht falsch, ich habe etwas Wichtiges zu tun, wo es für dich besser wär, du wärst nicht dabei. Und: Ich liebe dich auch.“

Und auf einer Straßenbrücke über dem Wienfluss steht ein total verdatterter Mann in schwarzlederner Kluft, einen zerknödelten Gutschein in der Hand, der keine Ahnung hat, was soeben passiert ist und was das soll, während meine Frau davonzischt, um den Bus nach Hause zu erwischen. Was in aller Welt…? Ich schau mir den Gutschein an. Na denn, was soll's, sie macht irgendwas, und will mich nicht dabeihaben. Vertraue ich ihr? Ich sollte. Habe ich Angst? Eigentlich schon. Was soll's, ich werd den Gutschein einlösen, der verliert tatsächlich nächste Woche seine Gültigkeit, und der Betrag ist nicht zu verachten. Irgendwas werd ich schon finden.

Als ich zwei Stunden später wieder zu Hause bin, ist meine Frau da, mein Sohn ist nicht da, und ich bin da. Wo ist meine Tochter? Ihre Mutter verliert kein Wort über ihren Verbleib. Soll ich im Keller nach Blutspuren suchen??? Es wird Abend, es wird Nacht, mein Bub kommt angekrochen, ich schreibe ihm mit einem Lackstift „Mein Vater hat Recht gehabt“ auf die Stirn, als er schließlich in sein Bett fällt und das Bewusstsein verliert, keine Spur von meiner Tochter. Mutter meiner Kinder, was hast du getan?

„Sie wird sicher bei Freunden bleiben“, zuckt diese mit den Schultern, „wie auch immer – ihr Problem, nicht meines.“ „Was…?“ Ein wissender Blick meiner Gefährtin. „Du sagst doch immer, dass Menschenweibchen irrsinnig hinterhältig sein können.“ Auf was will sie hinaus? „Das sag ich nicht immer, ich sage es nur, wenn ich mich über bestimmte Verhaltensweisen ärgere“, wehre ich ab, doch meine Frau nickt. „Du hast Recht damit. Wir können wirklich verdammt hinterhältig sein, und meine Kleine ist ganz unverkennbar ein solches – Menschenweibchen.“ Sie lacht ein Lachen, vor dem sich wohl sogar Reinhard Heydrich gefurchten hätte, und ergänzt: „Nur – ich bin auch eines, und ich hab mehr Erfahrung darin als sie. Die kleine stinkerte Schleimritzen wird mir nie wieder in meine Beziehung hineinpfuschen.“

Äh… Hat die gerade ihren eigenen Spross als, ich zitiere „kleine stinkerte Schleimritzen“ bezeichnet? Was auch immer passiert sein mag, was soll ich sagen?, mein liebes Töchterchen geht ihrer Mutter sage und schreibe einen ganzen Monat lang aus dem Weg, was auch immer sich zwischen den beiden abgespielt hat, ich weiß es nicht, und wünsche mir auch, es nie zu erfahren. Am nächsten Tag schickt meine Gefährtin meinen Sohnemann einkaufen, der das nur auf Bitte seiner Mutter tut, und nicht auf meine hin, weil er auf mich angefressen ist. Merke dir, mein Sohn: Du sollst nicht saufen, wenn du am nächsten Tag Schule hast, also reg dich nicht über dieses „mein Vater hat Recht gehabt“ auf: Es stimmt.

Im Einkauf ist auch Klopapier. „Hm“, merkt die Mutter meiner Kinder an, „wenn wir das in einen Gulli schmeißen, ob es dann im Wienfluss landet?“ Und tatsächlich: Ab diesem Tag zeigt sie immer diesen verklärten Blick, wenn ein Gulli, ein Kanalgitter oder ein Fetzen Klopapier, der auf der Straße liegt, in ihr Blickfeld gerät.

Es gibt eben Dinge, die sind einfach nur romantisch.