Der Regenzauber

Wer so wie ich Brillenträger ist, wird das Phänomen kennen: Einmal hat ma saubere Augengläser, schon verabreden sich sämtliche Staubkörndeln in der Umgebung, sich dort einzutreffen. Weils so schön ist.

Lässt sich das nahezu sofortige Verstauben von Brillen aber zumindest noch irgendwie über elektrostatische Anziehung entstatisierter Gläser oder sonstige Naturgesetze rational nachvollziehen, so entzieht sich eine Sache jeglichem Versuch einer logischen Erklärung: Die Rede ist, natürlich, vom Regen.

Warum regnet es nämlich immer genau dann, wenn ich mir soeben die Augengläser geputzt habe?

Und jetzt kommts mir nicht mit Wahrnehmunspsychologie, die besagt, dass man eine starke Neigung dazu hat, einen kleinen, unrepräsentativen Teil für das Ganze zu nehmen, dieser Tatsache bin ich mir bewusst, nein, ich habe mir eine Liste gemacht: Am siebzehnten putze ich mir die Augengläser, am selben Tag regnet es. Daraufhin putze ich mir sie am achtzehnten erneut. Am neunzehnten genauso, und es regnet wieder. Am zwanzigsten gebe ich auf und es regnet nicht. Am einundzwanzigsten – die Wetterprognose lautet auf Sonnenschein – versuche ich wieder, klar zu sehen – und bezahle diesen Versuch mit einem verregneten Nachmittag. Dann beschließe ich, zwei Wochen lang kein Tuch an meinen Sehbehelf zu lassen und – die Sonne scheint…

„Siehst du überhaupt noch was?“, erkundigt sich meine bessere Hälfte. Mein Grummeln ist ihr Antwort genug. Ich setze die Augengläser ab. Ich sehe schlecht. Ich setze die Augengläser auf. Ich sehe ebenfalls schlecht. Irgendwie ist das nicht der Sinn der Sache. Ich schnappe mir die Bottel mit dem Geschirrspüler – jedes Brillenputztuch ist gegen diese Dreckschicht machtlos – und gehe damit ins Bad. „Schaut, Kinder, der Papa macht jetzt einen Regenzauber“, nimmt meine Frau die Kleinen zu sich, und staunend verfolgen sie, wie ich meine Scheiben mit je einem Tropfen Geschirrspülmittel hinten und vorne behandle, und sie dann unters heiße Wasser halte, das faserfreie Fetzerl schon bereit. Mit scharfem, durch nichts getrübten Blick sehe ich die großen Augen meiner Nachkommen. Draußen donnert es und es beginnt, zu regnen…

Meine Kinder haben noch nie so viel Respekt vor mir gehabt.