Sacharja und der Esel

Es fängt damit an, dass der Weise auf dem Marktplatz einen Esel ersteht.

Das ist nun nichts Besonderes, schließlich und endlich sind Esel nützliche Tiere, so können sie schwere Lasten schleppen und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Dennoch hat der Eselzüchter ein eigenartiges Gefühl, als der Alte schließlich mit dem Grautier von dannen zieht. „Was er wohl vorhat?“, fragt er sich.

Am nächsten Tag findet man den Esel in einer Einfriedung knapp außerhalb der Stadt stehen. Dort steht er, schläft, säuft, frisst, macht Mist, und lebt eben sein Eselleben.

Tags darauf liegt in der Krippe des Esels ein Buch. Ja, tatsächlich ein Buch! Es ist ein Werk eines berühmten Dichters, ein wahres Labsal für jeden Geist. Der Esel hingegen beachtet das Buch kaum, er schläft. säuft, frisst, macht Mist, einzig ein paar Seiten des Buches frisst er.

Dann kommen weitere Bücher, Werke von Religion und Wissenschaft, Epen und Lieder, die Schriftgelehrten sehen es mit Grausen. Und stets steht der Esel da, schläft, säuft, frisst, macht Mist, und kümmert sich nicht darum.

An einem anderen Tag sehen sie ein neues Bild in der Umfriedung: Ein gewaltiger Marmorblock steht dort, nebst einer erlesenen Auswahl an Werkzeugen, kurz, jedem Bildhauer, vom Lehrling bis zum Meister, würde wohl das Herz vor Freude hüpfen.

Der Esel hingegen stupst ein paar Mal mit der Schnauze gegen den Marmor, legt sich zur Mittagszeit beizeiten in den Schatten des Blocks, bringt auch die Werkzeuge durcheinander, aber hauptsächlich schläft er, säuft, frisst, macht Mist, und kümmert sich nicht weiter.

Auch Leinwand, Pinsel und Farben geht es nicht anders, die Schriftgelehrten giften sich, und als Sacharja dem Esel einen Purpurmantel umlegt und eine Krone aufsetzt, gehen sie erbost zum König – der sie von seinen Wachen wieder hinauswerfen lässt mit den Worten: „Würden die Leute denn auf den Esel hören, nur weil er Krone und Purpurmantel trägt?“ Dennoch lässt er nach Sacharja dem Weisen schicken, und fragt ihn, was denn nun all dies soll.

Sacharja der Weise steht nun vor dem König, seufzt und sagt: „Man kann einem Esel Hammer und Meißel geben, Pinsel und Leinwand, man kann ihm Mantel und Krone geben und ihn die klügsten und besten Bücher fressen lassen – dennoch wird er immer ein Esel bleiben…“

Zufrieden lächelnd entlässt der König Sacharja den Weisen aus seiner Audienz.