Streben

Die Bäcker der Stadt bringen Sacharja dem Weisen gerne hin und wieder einen Wecken Brot. Manche nehmen das beste Brot, manche das, das sie sonst den Schweinen gäben, Sacharja ist es Recht, denn selbst das Brot, dass die Bäcker als minderwertig einschätzen, ist dennoch gut. Einer der Söhne eines Bäckermeisters nun fragt seinen Vater, ob er denn nicht Brot für den Weisen hätte, gerne würde er es ihm bringen. Der Meister sieht seinen Sohn nur an, und sagt: „Geh mit leeren Händen.“ „Aber Vater, wird er nicht…?“ „Geh mit leeren Händen. Denn du willst seinen Rat haben, und der Weise schätzt es nicht, wenn man ihn kaufen will.“

Also verlässt der Sohn des Bäckermeisters die Stadt, wirft sich einen Umhang über, denn der Abend wird kühl, und sucht die Höhle auf einem Hügel auf, der einmal ein erloschener Vulkan gewesen sein mag, wie auch immer, es gibt in seiner Nähe heiße Quellen. Doch Sacharja der Weise ist nicht da. „Du hast eine Frage?“, tritt ihm ein alter Mann entgegen. Kurzgeschorener Bart, kurzgeschorenes Haar, ein dunkles, um den schlanken Leib geschnürtes Gewand, mit ebensolchen Beinkleidern und ein langer Wanderstab.

„Du bist Sacharja der Weise?“, wundert sich der Bäcker, „man hat dich mir als gemütlichen, dicken alten Mann in weitem Gewand beschrieben…“ „Das ist richtig.“ Der junge Mann kann mit dieser Antwort nichts anfangen, Sacharja der Weise deutet mit seinem Stab auf einen Pfad. „Folge mir.“

Zur Überraschung des Bäckermeistersohns hat er Schwierigkeiten, mit Sacharja Schritt zu halten, es wirkt, als ob die einsetzende Dunkelheit auf geheimnisvolle Weise den Alten nährt, seine Schritte beflügelt, der Pfad ist eng und steinig.

„Auf einem solchen Pfad“, meint Sacharja schließlich mit einem Kopfnicken, „wäre ein weites Gewand nicht praktisch. Und es wäre mir kalt darin.“ Der junge Mann nickt mit dem Kopf. Und schüttelt ihn. Es schüttelt auch den Rest seins Körpers, denn er zittert vor Kälte. „Du meinst es also ernst mit dem, wegen dem du zu mir gekommen bist, was auch immer das sein mag“, nickt der Alte anerkennend, und holt etwas aus einer Tasche seines Gewandes, „folge mir.“ In einer nur wenige Schritte langen Höhle entzündet Sacharja der Weise ein Feuer.

„Hör auf, zu wollen, hör auf, zu streben, hör auf, zu glauben, dass du weißt.“

Das sagt Sacharja der Weise vor langer Zeit zum Vater des jungen Mannes, und der schnitzt es in ein Holzbrett ein, das er in seine Werkstatt hängt. Er sagt seinem Sohn, dass es hilft, seine Ziele zu erreichen, doch der versteht nicht, warum. Der alte und der junge Mann reden miteinander. „Du bist also in die Tochter der Mondpriesterin verliebt und möchtest ein Botengänger für den König werden“, stellt Sacharja schließlich fest, „und als du deinen Vater fragst, wie du das erreichen könntest, sagt er dir ausgerechnet das, was auf dem hölzernen Schild steht, und du verstehst es nicht. Ich werde es dir anders erklären:“

Hör auf, zu wollen
hör auf, zu streben,
hör auf, zu glauben, dass du weißt.
Lerne, zu sein.

Nicht, sein zu wollen,
nicht, danach zu streben, zu sein oder
zu glauben, dass du weißt, was du bist, sondern:
zu sein.

„Also werde ich die junge Priesterin nicht mehr aufsuchen und an dem Wettbewerb für den Botendienst nicht teilnehmen?“, ist der junge Mann enttäuscht. „Warum nicht? Du bist doch in die junge Frau verliebt, und Bote möchtest du werden, warum also solltest du all das ignorieren?“ „Ich werde immer konfuser…“ „Das bist du schon.“

„Ehemann der jungen Priesterin, Bote des Königs … du konzentrierst dich also die ganze Zeit auf das, was du nicht bist, anstatt dich auf zu konzentrieren, was du bist.“ „Und was bin ich?“ „Das, was du bist.“

Das letzte bisschen Verständnis, das der junge Mann bis jetzt noch hat aufbringen können, ist dahin. Sacharja lacht. „Du bist das, was du bist, und was für die Gegenwart stimmt, stimmt auch für die Zukunft: Du wirst das sein, was du sein wirst, und wirst das nicht sein, was du nicht sein wirst. Mach deinen Kopf frei, beschäftige dich nicht mit diesen Dingen, zermartere nicht dein Gehirn deswegen, quäle dich nicht mit deinen Gefühlen, lass los, lass es los, und wenn es ist, dann wird es sein, und wenn es nicht ist, wird es nicht sein. Wenn du ein zukünftiger Botengänger bist, dann bist du es sowieso, bist du es nicht, dann bist es nicht. Vergeudest du deine Energie darauf, was du nicht bist, wirst du viel eher Wege einschlagen, die dich von dir selbst wegführen. Finde also zu deinem wahren Selbst, und lebe danach. Bei dieser Suche kommt nicht immer das heraus, was man annimmt, aber immer das Richtige, st man redlich und aufrichtig sich selbst gegenüber.

Diese Suche ist es, auf die du dich konzentrieren sollst, alles Streben, alles Wollen, aller Glauben, etwas zu sein, ist sinnlos.“

„Werde ich also meinen Schwarm gewinnen können und Bote werden, und, wenn nicht, trotzdem enttäuscht und gekränkt sein?“

„Suche nicht nach dem Weg zu deinem Glück, strebe nach dem Glück der Welt. Findest du diesen Weg, findest du auch dein eigenes Glück. Lebe mit der Welt als Ganzes in Harmonie, und du wirst auch mit dir selbst in Harmonie leben.

Ich weiß, das zu verstehen ist viel verlangt von einem jungen Menschen, aber wenn dein Streben aufrichtig ist und ehrlich, wirst du verstehen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“

Der Weise steht in der Tiefe der Höhle, das Feuer zwischen ihm und dem Höhlenausgang, und da steht er, Sacharja der Weise, aufrecht, gerade, den Blick in die Schwärze hinter der Nacht gerichtet, und der junge Bäcker weiß, ja, der Weise kann in der Dunkelheit sehen. Gerade in der Dunkelheit.

„Ist das nicht eine Disharmonie in der Welt?“, meint er, als das Feuer niederzubrennen beginnt. „Kann es einen Tag geben ohne eine Nacht? Ein Richtig ohne ein Falsch? Meinst du nicht, dass es verdammt unharmonisch wäre, gäbe es zwischen Harmonie und Disharmonie ihrerseits keine Harmonie?“ Der junge Mann lacht auf. Jaja, der Alte hat es schon drauf. „Gehen wir nach Hause“, schlägt er vor. Der Bäcker horcht auf. „Wir?“ „Wir.“ „Das heißt, ich gehe nach Hause. Ich habe das Gefühl, dass du es bereits bist. Du gehörst überall dorthin, wo du bist. Dort, wo du nicht hingehörst, wird man dich nie finden.“

Der weise Mann lächelt. Der junge beginnt, zu begreifen.