der Kampf gegen das Baugerüst

Es gibt da etwas, das ich in jungen Jahren erlebe, über das ich mir in jungen Jahren keine Gedanken mache und erst verstehe, was es eigentlich bedeutet. Es ist zu der Zeit, als der große Tempel gebaut wird, und die Stadt voll ist mit Steinmetzen, Handlangern, Bauarbeitern, Tischlern, Schmieden, und allerhand anderer Leute, die dafür sorgen, dass das Tempelgebäude entstehen wird, inklusive all der Schulen, Spitäler, Lagerhäuser, … die mitentstehen werden. Es ist auch die Zeit, wo ich zum ersten Mal in Erwägung ziehe, in die alte vulkanische Höhle vor der Stadt zu ziehen, denn am Tag den Baustellenlärm und in der Nacht das Rattern der Fuhrwerke, die das Material liefern… Dass ich meine Heimat verlassen und viele Jahre in der Fremde verbringen sollte, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Nun, wie auch immer, eines Abends habe ich eine Verabredung mit meinem Schwager, an der Ecke, wo einmal der nördliche Stiegenaufgang des zum großen Kornspeicher gebaut wird, und an dem hölzernen Baugerüst mir gegenüber, da steht ein Mann, und wartet offenbar ebenfalls auf jemanden. Der Platz ist ein beliebter Treffpunkt, und es ist nicht ungewöhnlich, dass hier jemand wartet.

Es ist Abend, und viele der Leute, die sich an der Baustelle verdungen haben, ziehen heim in die Baracken am Stadtrand. Unter ihnen ist auch ein Betrunkener, der ganz offenbar in keiner guten Stimmung ist. Man hört ihn schon von Weitem, und der Mann, der dort beim Gerüst steht, wird zum Ziel seiner Wut. „Was bist denn du für ein Nichtsnutz?“, stänkert der Betrunkene den Mann an. Der erwidert das nur mit einem verwunderten Blick, und kümmert sich nicht weiter, was den Betrunkenen allerdings nur noch mehr aufstachelt. „Was stehst du noch immer hier herum, ha?“ „Was ist dein Problem?“, fragt der Mann zurück, und: „Wenn du keinen Wein verträgst, solltest du nicht saufen.“ Der Betrunkene indessen wird jetzt erst so richtig aggressiv. Er nimmt also Anlauf und will den Mann, der harmlos dort steht und wartet, attackieren.

Ich stehe auf der anderen Seite der Straße und denke mir, der steht doch vor einem Baugerüst. Wenn er jetzt einfach ausweicht, dann rennt der Trunkenbold gegen die Bretter und Streben des Gerüsts, mit allen Konsequenzen, die das hat. Offenbar denkt sich der Mann dasselbe, denn in dem Moment, als der Betrunkene auf ihn zugerannt kommt – macht er einfach einen Schritt auf die Seite.

Einem dumpfen Knall folgt ein dumpfer Aufschlag, als der Betrunkene mit vollem Karacho gegen das Gerüst kracht, und sich dabei fast selbst bewusstlos schlägt. Nach ein paar Minuten, ächzend und stöhnend, steht der Betrunkene schließlich auf, sieht den Mann – der immer noch ruhig dasteht und wartet! – angsterfüllt an, und macht, dass er weg kommt.

Lange Zeit meines Lebens denke ich mir nichts dabei, ich sehe es nur als Dummheit eines Kerls, der sowieso nicht bei Sinnen ist, bis ich dann irgendwann verstehe, um was es eigentlich geht:

Der Betrunkene hat versucht, gegen die Welt anzulaufen. Und gegen die Welt kann niemand gewinnen. An ihr und an ihren Regeln gibt es keinen Weg vorbei, denn sie ist der Boden, auf dem alle Wege liegen. Wer etwas tut, was allgemein als „schlecht“, als moralisch verwerflich angesehen wird, tut etwas, das deswegen als verwerflich angesehen wird, weil es – falsch ist.

Wer lügt, sagt etwas, das der Wahrheit widerspricht, wäre es allgemein akzeptabel, zu lügen, wäre das Wort von niemandem mehr vertrauenswürdig und Sprache würde sinnlos werden. Wer stiehlt oder gar tötet, missachtet die Rechte anderer, wäre es nicht geächtet, könnte niemand Dinge ohne der Angst tun, Eigentum oder Leben zu verlieren, und viel zu viel Aufwand würde damit vergeudet, sich gegenseitig abzusichern, und nicht für unser Überleben verfügbar. Wer selbstgerecht ist, findet aus seinen Irrtümern keinen Ausweg, und korrigiert diese nicht, auch wenn er selbst daran zugrundegeht.

Es sind die inneren Widersprüche oder vielmehr, die Widersprüche, die ein Handeln „zur Welt“ hat, die es moralisch verwerflich machen. Wer schlecht handelt, handelt falsch, und auch wenn es nicht immer offensichtlich ist, was richtig ist, und auch wenn es stets ein Lernprozess ist, der niemals enden wird, so kann man doch sagen, was falsch ist, denn es steht zu sich selbst oder zu der Welt, in der wir leben, in Widerspruch. Und an der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Weg vorbei.

Der Betrunkene hat sich also nicht selbst niedergeschlagen, und noch viel weniger von dem Mann, den er angreifen wollte, er ist einfach nur an den Unzulänglichkeiten und Widersprüchen gescheitert, die seine Absichten und die Welt, in der er lebt, zueinander haben.

Und die Welt gewinnt.

Immer.