Wir Männer werden wohl niemals wirklich wissen, was es für eine Frau bedeutet, wenn sich neues Leben ankündigt. Wir leben, fühlen (und leiden!) zwar mit unseren Gefährtinnen mit, aber wirklich zu erfassen, was es heißt, werden wir wohl nie. Elternschaft bedeutet für mich als Mannsbild, dass aus zwei Menschen drei werden, für eine Frau wohl aber eher, aus einem Menschen – aus ihr! – werden zwei. Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist wohl das stärkste emotionale Band, dass existieren kann auf der Welt; kann, aber nicht muss. Und auch nicht jede Mutter-Kind-Beziehung beginnt so, wie sie das sollte…

Leben

Meine Gefährtin steht im Badezimmer und kramscht irgendwas in den Facheln vom Alibert herum. Ich sitze auf der Couch im Wohnzimmer und will mir die Stiefel ausziehen. Es war für uns beide ein langer Abend, und ich bin müde. Plötzlich erstirbt jeglicher Lärm im Bad. Schlagartig. Ich lausche. Nichts. Irgendetwas fällt auf den Boden. Ich hechte ins Bad. Meine tapfere Gefährtin lehnt an der verfliesten Mauer, die entsetzt aufgerissenen Augen ins Leere starrend. Ich nehme ihr Gesicht in die Hände, zärtlich, und frage sie mit sanfter Stimme, was denn los ist. Ich bekomme keine Antwort.

Sie ist einfach nicht da, ihr Körper ist anwesend, aber ihre Seele ist irgendwo, weit weit weg, in einer schrecklichen Welt, in der sie ganz allein ist. Vorausgesetzt natürlich, sie hat keinen Verrückten an ihrer Seite, der ihr sogar an so einen Ort folgen würde… Sie fühlt sich eiskalt an – ganz offensichtlich steht sie unter Schock. Ich drücke sie fest an mich, wärme sie, so gut ich kann, und will sie gerade aus dem ungeheizten Badezimmer hinaustragen, als sie sich zu wehren anfängt, sie drückt mich weg, stößt ich weg, und dann kommt endgültig Leben in ihren Körper, eine stärker werdende Anspannung, die ich am Anfang nicht richtig interpretieren kann, bis ich dann verstehe, was es ist, was sie fühlt: Zorn.

Was in aller Welt ist los?

„Lass mich“, presst sie zwischen den Zähnen hervor, ich lasse sie los, verwundert, keine Ahnung habend, was mit ihr sein könnte. Eine Zornesträne verlässt ihr rechtes Auge, und dann geht es los: Meine wunderbare Gefährtin fängt an, zuerst auf die Wand, und dann auf die Möbel einzuschlagen. Krach!, die Faust gegen das Kastel, zack!, für den Rest ihrer Existenz wird die Waschmaschine einen Deppscher haben, fassungslos sehe ich mit an, wie sich meine Beste in eine Tür eines Wandkastens verkrallt, an ihr herumrüttelt, und schließlich eines der Scharniere herausreißt, bevor sie mit stampfendem Schritt das Bad verlässt, so ziemlich in alles hineinkrachend, was da vor ihr ist, und ein jäher Gedanke schießt durch meinen Kopf: das Geschirr im Wohnzimmer! Doch als ich dort bin, ist es bereits zu spät, und von den vier tiefen Tellern, die bis heute überlebt haben, gibt es nur noch zwei, und dieses billige Tischerl, das wir irgendwo einmal als Ablage mitgenommen haben, wird mit ein paar gezielten Tritten von weiblichen Füßen zertrümmert. Der Wohnzimmertisch indessen erleidet dieses Schicksal nicht: Der ist aus massivem Holz gemacht, und wird uns noch – auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen kann – viele Jahrzehnte lang gute Dienste leisten und all unsere Eskapaden überleben. Als sie diesen Tisch jedoch aufhebt und sich anschickt, ihn irgendwohin zu werfen, ortet ihr leidgeplagter Gespons Gefahr im Verzug und, dass es an der Zeit ist, einzuschreiten, als Resultat davon fliegt meine Brille davon, weil sich die Gute eine Restriktion ihrer Bewegungsfreiheit durch sie umklammern wollende Männerarme partout nicht gefallen lassen will. Mit einem Knirschen verlassen auch meine Augengläser das Diesseits… „Es reicht, hör auf“, sage ich zu ihr, stürze auf sie zu, und halte sie diesmal mit voller Kraft fest, was zu stark ist, als dass sie sich dagegen wehren könnte, trotzdem sie mir ihre Fingerknöchel in die Nieren schlägt. „ICH HASSE DICH, ICH HASSE DICH, ICH HASSE DICH“, brüllt sie mir ins Gesicht, dass mir die Ohren klingeln, und windet sich wie wild in meinen Armen, nur allein sie kann sich nicht befreien. „Ich hasse dich“, schluchzt sie schließlich, und endlich – endlich! – bricht sie in Tränen aus, und ein vollkommen hilflose, vollkommen verzweifelte Frau liegt in meinen Armen, und weint. Was in aller Welt ist nur los mit ihr? „Du, Schatz“, schnieft sie schließlich, „ich – bin schwanger…“

Und auf einmal ist alles gut. Es ist mir egal, dass ein bissel Geschirr zu Bruch gegangen ist, dass ein Badezimmerkasten dahin, ein Ablagetischerl zertrümmert und vor allem – meine Brille kaputt ist, es ist mir egal, dass ich wohl ein paar Nächte lang nicht schlafen können werde wegen den blauen Flecken, die sie mir beigebracht hat. Es ist egal. Denn etwas Wunderbares ist geschehen, ein kleines Wunder, etwas, das ich als lebendes Wesen zutiefst bejahe, wenn Leben erneut Leben hervorbringt. „Du … freust dich?“, wundert sich die Frau in meinen Armen, und ich halte sie ganz fest, und genieße jede Berührung.

Ja, wir haben beide keine schöne Kindheit gehabt, du und ich, wir haben beide Menschen oft von ihren negativen Seiten erlebt, doch das ist kein Grund, Leben nicht zu bejahen. Und von allem Menschen auf der Welt bist du der eine, von dem ich es mir wünsche, wenn es mehr davon gibt, und genau das schickt sich ja gerade an, zu geschehen. Alles ist gut. Und dass es so bleibt, glaube mir, ich stehe mit allem, was ich bin und kann dahinter, dass es so auch weiterhin sein wird.

„Wirst du es dem Kind sagen?“, fragt sie mich, als ich im Bad den heruntergefallenen Schwangerschafsteststreifen aufhebe und mir ansehe. „Ihm was sagen?“ „Dass ich mich eigentlich garnicht darüber freue, dass…“ „Das stimmt ja nicht“, meine ich nur, als ich aus nächster Nähe – ich bin kurzsichtig, und schließlich ist meine Brille ja dahin – den Schaden am Badezimmerkastel begutachte, „du hast einfach Angst davor, dass das Kind wird leiden müssen. Doch diese Angst, und dessen kannst du gewiss sein, die ist vollkommen unbegründet. Ich kenn dich doch ein bisserl, und sage dir: Ich habe vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten als Mutter, denn du“ – schneide ich ihr das Wort ab, als sie etwas einwenden will – „wirst eines sicher nicht machen, was sowohl deine als auch meine Eltern getan haben: Ihre Kinder im Stich lassen.“ Ein Schauer läuft meiner Gefährtin das Rückgrat herunter.

Und wenn ich ihr wirklich in diesem Moment der Angst und Verzweiflung den Kopf wieder zwischen die Schultern gesetzt haben sollte, dann ist mir das auch das Geld für eine neue Brille wert.