Schwimmen lernen

Väter sind – daran kann es keinen Zweifel geben – eine Institution. Sie schlichten Streitigkeiten mit Geschwistern, Lehrern, Spielgefährten, Polizeibeamten, Arbeitgebern, Nachtclubbesitzern, der eigenen Mutter … helfen einem immer mit Werkzeug aus, angefangen von Nadel und Faden über Schlagbohrmaschinen bis hin zu Vorhängen, Einrichtungsgegenständen und Essgeschirr, und vor allem: Sie bringen einem alles Mögliche bei.

Bei meinem eigenen Papa ist das anders.

Warum? Weil er nicht schwimmen kann. Ich stehe also an einem unheilschwangeren Vormittags eines an sich sehr schönen Sonnentages im städtischen Freibad bis zum Bauch im Wasser. Ich. Mein Herr Vater nicht. Der steht schön brav, einen ziemlichen Sicherheitsabstand wahrend, neben dem Bassin. „Komm ruhig rein.“ „Ruhig?“, presst mein werter Altvorderer zwischen den Zähnen hervor, „das maasnt oba net ernst, oder?“ „Des ,oder' is richtig“, kläre ich ihn auf, und erinnere ihn daran, dass er es meiner Mutter versprochen hat. „Du willst nur, dass ich mich vor die anderen Kinder genier…“ „REIN.“ Gehorsam macht der alte Mann einen Schritt in Richtung Beckenrand – „aber z'erscht gehst dich kurz abduschen!“, scheuche ich ihn in Richtung der Brausen. „Warum“ „Badeordnung, hat hygienische Gründe.“ Der Bademeister, auf die Szene aufmerksam geworden, nickt beifällig. „Oiso, i find des an Blödsinn, und außerdem, i bin siebzig Johr oid, i brauch mir von dir jungan Hupfer überhaupt nix sogn lossn, außadem schaust du aus, ois ob du an Sonnenbrand, AUA!“

Sein Sohn – Anmerkung des Verfassers: ich – mittlerweile rot vor Wut, packt den alten Herrn dann doch recht ein bisserl unsanft und taucht ihn unter die Brause. „Bringens' erm net um!“, ermahnt mich der Badewaschel, „wieso net?“, entgegne ich, „aana weniger, der da Pensionskassa auf der Taschn liegt.“ „Des is ma scho kloa, oba net do herinnen, dann muass i nämli Rettung und Polizei holn und aan Bericht schreiben“, ermahnt mich der nette Badewaschel weiter. Das ist in der Tat ein Grund. „Ich bin schon ganz nass“, winselt der alte Mann unter der Dusche, dem das Wasser an den letzten weißen Haaren, die er noch am Kopf hat, über die Ohren rinnt.

Na siehst, halb so schlimm, meine ich freundschaftlich, als er schließlich doch im Schwimmbecken steht, im Nichtschwimmerbereich. Er schüttelt den Kopf, ich ignoriere das. Du hast es der Mutter versprochen, ermahne ich ihn noch einmal, und sein Gesichtsausdruck ist ein einziges Jammertal. Es geht ihm wirklich denkbar schlecht. „Komm, geh ma noch ein bisserl weiter, bis'd des Wossa bei die Schultern host, und donn geammas an.“ „Mochens kaa Theater“, ermahnt ihn der nette Herr Badewaschel, „wonn i imma a Aug auf ihne ham muass, siech i nix Ondares, und vielleicht sauft man no a Kind o, nua weul sie…“ Niedergeschlagen nimmt er das zur Kenntnis. Er weiß, es gibt kein Zurück mehr.

„So, Papa“, fange ich an, als er schließlich – endlich! – bis zu den Schultern im Wasser steht, und instruiere ihn, einfach einmal die Luft anzuhalten, bleib stehen, tu sonst nix, halt einfach die Luft an. Er steht da, und hält die Luft an. Und jetzt halt dich mit beiden Händen am Beckenrand an, halt die Luft an, und zieh die Haxen vorsichtig an. Er verliert den Bodenkontakt, kriegt einen Schreck, und setzt die Füße sofort wieder auf den Boden. Okay, das hat nicht funktioniert.

„So, weißt du was, ich halt dich jetzt fest, und du trittst einfach Wasser.“ Den Kopf nach oben, fängt er an, wie ein Depp mit den Haxen herumzuwurdeln, und ich spüre sein Gewicht in den Schultern. Doch nach ein paar Sekunden bekommt er es heraus, und der Zug in den Schultern verschwindet. Er legt seine Hände auf meine Schultern, strampelt wie ein Irrer, und ich lasse ihn los. Schwer atmend hört er schließlich auf. „Du, Bua“, meint er schließlich, „i glaub, des hot funktioniert.“ „Nana, loss mi nua“, wehrt er ab, als ihm etwas sagen will, er hält sich beim Beckenrand an, mit beiden Händen, mit einer, tritt Wasser, und verliert schön langsam aber sicher seine Angst vor selbigem. Die nächste Viertelstunde erlebt einen alten Mann, begleitet von seinem erwachsenen Sohn, der sich doch tatsächlich frei im Wasser bewegt, der sich abstrampelt, aber doch ganz unzweifelhaft ohne Fremde Hilfe über Wasser hält.

„Ha, des is so angenehm kühl, dieses Wasser, des“, meint er schließlich, „so wemma sich so richtig anstrengt, net woahr, da is das eine wunder Kühlung…“ Ich nicke freundlich und bin froh, dass seine Enkelkinder ihn jetzt nicht sehen können. „Willst dich a bisserl ausruhen, Papa?“, frage ich ihn. „Nanana, das geht scho“, wehrt er ab, und experimentiert mit verschiedensten Strampelbewegungen. Ein Kollege des Bademeisters kommt, die zwei Wascheln unterhalten sich, und schauen interessiert zu uns herüber. Erneut hört der alte Mann auf, sich zu bewegen, setzt die Füße auf den Boden, und überlegt. Er beobachtet andere Leute, die in dem Becken herumschwimmen. Dann tritt er wieder Wasser, dreht sich um die eigene Achse, indem er mit den Händen das Wasser wegschaufelt, und langsam, ganz langsam, fängt er an, seine Arm- und Beinbewegungen aufeinander abzustimmen, und sich vorwärts zu bewegen. Ein letztes Mal setzt er im Nichtschwimmerbereich die Füße auf den Boden des Beckens, und sinniert: „Also, wemma das Wasser mit die Schwimmbewegungen unter den Körper bringt, das is so quasi wie ein Antrieb, net, wie ein Auftrieb, net woahr, und dann bleibt ma über Wasser, wegen diesem Auftrieb, und wemma sich dann nimmer bewegt, da hält einen halt dieses Wassertreten, net woahr, des hält einen donn in einem dynamischen Gleichgewicht, und ma geht dann trotzdem net unter, wobei auch die Turbulenzen natürlich immer entgegen der Aufhängung des Aktuators an der Masse, so ähnlich wie bei einer Strömungspumpe…“ Ich habe keine Ahnung, von was er redet.

Und so steht er also da, den Zeigefinger an die Nasenspitze tippend, überlegt, tritt wieder Wasser, macht ein paar Bewegungen, und, anfangs ungelenk, aber dann mit immer größerer Sicherheit – schwimmt er davon, immer begleitet von seinen werten Sohn, der den alten Mann aber auch nicht nur für eine Sekunde aus den Augen lässt. „Hean sie, schwimmen's do weg, sehn's net die Absperrung?“ „Jo, i schwimm scho weg!“ Der alte Herr K. ist doch tatsächlich bei der Absperrung am anderen Ende des Bassins angelangt. Mit leuchtenden Augerln schaut er nach unten. „Wie tiaf des Wossa do wohl is?“, fragt er mich. „Drei Meta zwanzig“, entgegne ich ungerührt. „Wos du ollas waaßt…“ „Es steht am Beckenrand ang'schrieben.“ „Ah.“ „Wie fühln's ihna?“, fragt der Bademeister. „Als wia'r a Fisch im Wasser!“ „Gfreut mi.“

Also schwimmen wir ein paar Runden gemeinsam im Becken herum, er fragt einen ziemlich rücksichtslos planschenden Jugendlichen, ob der nicht ein bisserl deppert geworden ist, verlässt das Schwimmbecken über eine der Leitern, geht auf die andere Seite, steigt wieder hinein, schwimmt zum Nichtschwimmerbereich, schaut, wie seicht das Becken werden kann, ohne dass er mit den Füßen den Boden berühren muss, und auf einmal steht er schlagartig im Becken auf, verlässt es mit einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, und rennt auf die Liegestufen zu, auf denen sich ahnungslose Mitmenschen ausrasten, nicht ahnend, was der alte Mann denn will.

Er hebt ein Telefon auf, entsperrt es, und tippt eine Nummer ein. „Was bilden sie sich ein, dass sie mir mein Telefon…!“, doch die Person auf dem anderen Ende hat bereits abgehoben. „Du, Schatzi!“, ruft er, „ich – kann schwimmen.“

Ich gebe der Dame das Telefon zurück, der Bademeister hält in seine Richtung anerkennend den Daumen nach oben, und der alte Mann strahlt über das ganze Gesicht. Es ist eine der Sternstunden in seinem Leben.

Und in meinem.