Ich verfasse diesen Text (zumindest in seiner ersten Form) am Ende des Jahres 2006. An diesem Tag ist das, von dem ich schreibe, schon viele Jahre her. Dennoch möchte ich das, gerne niederschreiben, um eine Erinnerung zu bewahren, die das verdient hat, wie nur wenige andere in meinem Leben. Denn das, woran ich mich erinnere…

Zu einer Zeit, als ich mich gefragt habe, ob das, woran ich stets geglaubt habe, die Dinge, die mir stets auf eine gewisse Weise heilig waren, Zuneigung zum Beispiel, oder Berührungen, aber auch Aufrichtigkeit, Treue und Standhaftigkeit, zu einer Zeit, als ich mich gefragt habe, ob all dies wirklich richtig ist, da habe ich mich gefragt, ob es nicht besser wäre, ein egoistisches Arschloch zu sein – wie wohl der überwiegende Teil der Menschheit. Nun, ich bin eines Besseren belehrt worden.

Sie

Es war im Feber des Jahres 1999. Es ist also jetzt, da ich diesen Text schreibe, sechseinhalb Jahre her. Zu diesem Zeitpunkt, in dieser kühlen, unfreundlichen Nacht in einer längst vergangenen Zeit, da bin ich 19 Jahre alt. Ich habe ein Leben hinter mir, das nicht gerade von Existenzbejahung geprägt ist, von Liebe und Wärme, von Menschen, auf die ich mich verlassen kann und die zu mir stehen.

Zu diesem Zeitpunkt, wo ich da noch neunzehn bin – lange ist's her – da lebe ich in einer Welt, in der es sich zwar leben, aber nicht gut leben lässt. Ich wohne da bei Verwandten, nachdem ich im Jahr zuvor, ein paar Monate vor der Matura, aus der elterlichen Wohnung geflogen bin, weil sich meine Alten zerkracht haben. Was ich, in einem recht harschen Milieu aufgewachsen, mit einem gewissen Fatalismus hinnehme.

Bei den Verwandten geht es mir zwar besser, aber nicht viel besser. Als Zivildiener bin ich „besitzlos“, was mir dort vorgehalten wird, und auch meine Sippschaft kelcht sich ganz gern. Aus diesem Grunde ziehe ich es zu dieser Zeit vor, den Streitigkeiten auszuweichen, in dem ich mich schlicht und ergreifend in die Stiefel schmeiß, mir einen dicken Pullover überwerf und auf der Donauinsel spazieren geh, vorausgesetzt, ich hab kein Geld für was Anderes, was leider nur allzuoft der Fall ist.

Den Kopf ausrauchen lassen. Warten, bis die Depperten daheim schlafengegangen sind.

Ich weiß nicht mehr, wieviele Kilometer ich schon in den Füßen habe, ich weiß nicht mehr, wo genau ich da marschiert bin, ich weiß nur, dass mich mein Weg gegen zweiundzwanzig Uhr von den Bauten am Donauufer weg auf die Reichsbrücke führt. Und zwar von Richtung Prater aus, ich bin da irgendwo herumgehatscht. Es ist Feber, es ist natürlich dunkel, und es nieselt leicht. Kühl ist es. Kein menschenfreundliches Wetter. Hat den Vorteil, dass niemand sonst auf der Straße ist, was mich alles andere als stört.

Wenn man auf die Reichsbrücke kommt, ist da eine Unterführung unter einem Gehweg durch, der diese Unterführung überbrückt. Dort, unter dieser Art Brücke, da ist ein trockenes Plätzchen. Und da, da sitzt irgendeine undefinierbare Person.

Mein Schritt für mich weiter, ein gleichmäßiger Marschschritt, ein Schritt, der irgendwann automatisch abzulaufen beginnt, sodass man nicht mehr denken muss, sondern einfach nur die Gehrichtung ändern wie am Steuer eines Schiffes. Dieser Schritt führt mich in die Unterführung hinein und am anderen Ende wieder hinauf. In der Sohle der Unterführung werde ich von besagter undefinierbarer Person um eine Zigarette angeschnorrt. Ich entgegne kurz, dass ich nicht rauche, und mein Marschschritt führt mich aus der Unterführung wieder hinaus. Ich gehe weiter, binnen kurzem habe ich die besagte Person nicht mehr im Sinn.

Auf einmal nehme ich wahr, dass mir jemand folgt.

Mir nachgeht. Ein anderer Schrittrhythmus, nicht so regelmäßig wie mein eigener, ist zu hören. Ein Ryhthmus, der leicht an Laufen gemahnt, zu schnell für bloßes Gehen. Ich wende mich um, und stelle fest, dass mir die Person von der Unterführung folgt. Da ich nicht weiß, was ich davon halten soll, bleibe ich stehen. Jetzt hat diese Person endgültig zu laufen begonnen, und erreicht mich schließlich, wirft sich an meine Seite.

Wirft sich an meine Seite. Einfach so.

Dieses Sichanmichwerfen hat aber keinerlei menchlichen Wert. Es ist eine mechanische Geste. Die Frau kommt einfach daher, haut mich zu mir zube, mit gleichgültigem Gesichtsausdruck, wie man sich an eine Wand lehnt oder auf einen Sessel fallen lässt. Unpersönlich. Sie hätte sich genauso an eine Litfaßsäule werfen können.

Ich allerdings bin keine Litfaßsäule.

Ich nehme die Person an den Schultern, und stelle mich ihr direkt gegenüber auf, um mir den Menschen anzuschauen, der mich in meiner Einsamkeit stört, was sie missmutig zu erdulden scheint. Ich stelle fest, dass es tatsächlich ein weibliches Wesen ist – sie hat eine Jacke an, durch die sie ziemlich maskulin wirkt [Die hat sie wohl an, damit sie nicht Opfer eines Möchtegernvergewaltigers wird, Anmerkung des Verfassers] – und bin über einen bestimmten Umstand irritiert, weil mir irgendwas an ihr ungewöhnlich erscheint. Ich schaue ihr direkt und gerade in die Augen. Ein Blick nach unten zeigt mir, dass sie auf ihren Fersen steht. Diese Frau ist tatsächlich praktisch genausogroß, wie ich selber es bin.

…wir haben Probleme, einander die Arme um die Schultern zu legen, weil unsere Schultern in etwa in der gleichen Höhe sind. Ja, auf eine ganz bestimmte Art und Weise ist etwas sehr Schönes, mit ihr auf gleicher Höhe zu sein, und das überwiegt die „technischen Schwierigkeiten“ bei Weitem, die sich daraus ergeben.

Als wir in der Mitte der Reichsbrücke ankommen, wird mir das mit den Schultern zu unbequem – ihr wahrscheinlich auch – und ich löse mich von ihr. Ihr gefällt das eindeutig nicht, und sie strebt wieder in meine Richtung. Ich bin nun zu dieser Zeit wohl einer der letzten, der jemandem, der sich anlehnen will, das verweigert, und – schließe sie in die Arme. Ihre Jacke riecht nach Staub und nach Regen, und ich drücke sie an mich.

Und mit dieser Geste löse ich eine Reihe von Veränderungen an ihr aus. Ich vergesse niemals diese erste Veränderung, die mit ihr geschehen ist, dass diese geradeben noch kerzengerade Dastehen einer gewissen Anschmiegsamkeit weicht. Ich stehe da, auf einer Brücke bei denkbar unfreundlichem Wetter, und halte sie in den Armen.

Nach einigen Minuten stelle ich fest, dass sie wohl schläft. Ihr Körper wird eigentümlich schwer. Ich stelle mich eine Spur breitbeiniger hin, um einen besseren Stand zu haben, und halte sie weiterhin fest. Ihr Gewicht wirkt ganz leicht.

Und während all der Stunden, die wir hier auf der Donauinsel noch zusammensein werden, wird uns kein einziger anderer Mensch begegnen.

Ich kann nicht genau sagen, wie lange sie schläft, vielleicht zehn Minuten, vielleicht eine Stunde, eine halbe wird es wohl gewesen sein. Ich stehe nur da, halte die Schlafende fest, und schau, dass ich nicht umfalle. Wie auch immer, irgendwann wacht sie auf.

Hier kommt die nächste Veränderung über sie: Verwunderung, und dann Vertrauen. Denn ja, da steht er noch, der Mensch, an den sie sich geworfen hat, er steht noch da, steht immer noch da, und hält sie immer noch fest. Ein treuer Felsen in den Wellen und Brandungen einer wahnsinnigen Welt. Und schon bald, da kommt eine weitere Veränderung über sie, und – die Frau hat ein verdammtes Piercing unter der Unterlippe, die sind damals in Mode, und mit dem Ding zerkratzt sie mir das Gesicht, als sie mich abschmiert.

Wenn ich an sie zurückdenke, dann ist einer der wichtigsten Eindrücke, die ich mit ihr verbinde, der, dass es mir stets vorgekommen ist, als ob sie sich all diese eigenartigen Berührungen, die so oberflächlich wirken und dennoch so unendlich intensiv sind, schon im Vorhinein ganz genau überlegt, sich ganz genau ausgemalt hat, in so manch dunkler Stunde, in der Hoffnung, diesen Schatz, der sich in ihren Gedanken immer deutlicher manifestiert, irgendwann einmal jemandem geben zu können.

Irgendwann? Nein: Jetzt.

Mein Verstand bewahrt die Erinnerungen an all diese Berührungen auf, denn die Panzerung, die mich in jener Lebensphase umgibt, ist für jede Form von Zärtlichkeit impenetrabel. Zumindest beinahe. Denn die Wärme wird wie eine Salbe in die vereisten Panzerplatten einziehen, und langsam aber sicher immer weiter nach innen dringen. Jahre werden noch vergehen, fast zwei Jahre, bis all das endgültig angekommen ist und seinen Teil dazu beitragen wird, aus mir einen ganzen Menschen zu machen, einen, der nicht in seine Einzelteile zerbrochen ist… aber das kann ich in dieser kaltnassen Nacht noch nicht absehen.

Manchmal überlege ich, wie wohl die wenigen Frauen, die nach ihr in meinem Leben waren, reagiert hätten, hätten sie gewusst, dass diese ganz bestimmte Art von Berührung, die eigentlich so banal wirken und dennoch intensiver sind als so mancher „harter Stoß“, dass diese eigenartige Frau es war, die mir das Prinzip solcher Berührungen zu verstehen gegeben hat.

Denn intensiv ist es, oh ja. Ganz egal, ob es ist, wie sie mich ihren Herzschlag hören lässt, oder mir einfach nur mit sanften Fingern über den Nasenrücken streicht – das Prinzip ist simpel: Nicht deine Hand soll die Haut berühren wollen, sondern die Haut soll die Berührung deiner Hand wollen; sie schön, gut, angenehm finden. Und dazu braucht man vor allem eines: Den Wunsch, für jemanden zu sein, es nur zu tun, damit es der anderen Hälfte gut tut. Dieser Wunsch, nun, der kann nur einem entspringen, und das ist Zuneigung. Einfach nur echte, unverfälschte, absolut nicht-egoistische Zuneigung.

Ich und sie, wir verbringen etliche Stunden miteinander. Wir reden kaum. Bis zum heutigen Tag weiß ich ihren Namen nicht. Für das, was uns verbindet, brauchen wir aber auch keine Worte.

Irgendwann zieht sie ein Zugticket, um zehn in der Früh geht ihr Zug. Richtung Ausland. Und verwunderlicher Weise empfinde ich keine Angst dabei, keine Trauer, es ist wie selbstverständlich, dass ich sie in ihrem Tun unterstütze. Das scheint widersprüchlich zu sein, ist es aber nicht – denn wir mögen uns. Und daher werden wir uns gegenseitig unterstützen. Nicht, weil wir aus dieser Beziehung profitieren wollen, nicht, um irgendeinem Prinzip zu entsprechen, sondern einfach deswegen, weil wir uns mögen. Aus keinem anderen Grund.

Und dann, auf dem Weg, dann kommt tatsächlich etwas, das meine Panzerung durchschlägt. Wir verlassen am Friedrich-Engels-Platz die Gestade der Donauinsel. Da stehen ein paar Leute, von denen sie sich eine Zigarette schnorren kann. Redet ein paar Worte mit denen, bleibt bei ihnen stehen. Aha, denke ich, der Zauber ist also vorbei. Ich bin wieder allein, aufgegeben, weggeworfen worden. Na gut, was soll's. Und gehe. In diesem Moment allerdings dreht sie sich um und kommt umgehend zu mir. Jemand anders gibt tatsächlich die eigenen egoistischen Ziele für jemand anderen auf. Zuneigung.

Der Moment, in dem sie sich umdreht, um wieder zu mir zu kommen, ich werde ihn niemals vergessen. Ein Impuls kommt von außen, er durchquert sämtliche Panzerschichten, und schlägt dann mit Wucht im Inneren ein – wie ein Schwall Regen auf ausgedörrtem Land. Und es ist eigentlich ein Armutszeugnis für unsere Welt, dass man gut zwanzig Jahre in ihr verbringen kann, ohne dass einem sowas jemals passiert.

Wir kommen am Westbahnhof an. Die Zärtlichkeiten zwischen uns werden intensiver, heißer, ich glaube, viel hätte nicht mehr gefehlt, und wir hätten alle Hemmungen fallengelassen. Der Zug kommt. Sie steigt in den Zug. Ich gebe ihr auf einmal alles Geld, was ich bei mir habe, einfach so; zwei- dreihundert Schilling werden es wohl sein. Für mich damals nicht gerade wenig Geld. Ich gebe es ihr. Alles, was ich habe. Sie sieht mich an. Ich sehe sie an. Die Tür schließt irgendwann, der Zug fährt ab, und wir beide sind nicht getrennt.

Denn immer, ganz egal, wo ich bin, ganz egal, was ich tue, ich bin nicht allein. Das quälende Gefühl der Einsamkeit, das mich Zeit meines bisherigen Lebens verfolgt hat, des Niemanden habens, es ist nicht mehr. Es hat dem Gefühl Platz gemacht, das durch das Wissen entsteht, dass irgendwo da draußen, in dieser eisigeisigkalten, wahnsinnigen und erbarmungslosen Welt, dass da irgendjemand ist, der für mich ist, mich „grundlos“ mag, und nicht gegen mich ist oder dem ich einfach nur egal bin.

Doch wird dieses Gefühl nicht ewig halten.

Es ist der Dezember desselben Jahres. Draußen ist es nicht kühl, sondern wirklich winterlich kalt. Ich liege unter einem Haufen Decken, warm und behaglich, und schlafe den Schlaf des Gerechten.

Und auf einmal bin ich nicht mehr allein. Neben mir liegt jemand, und ich weiß sofort, wer das ist. Wilde Freude packt mich, woher kommst du, wie hast du mich gefunden, ich freu mich irrsinnig, dass du da bist. Doch sie antwortet nicht. Sie steigt aus dem Bett, küsst mich zum Abschied auf die Stirn, und geht.

Ich reiße die Augen auf, wie lange habe ich geschlafen? Ich springe aus dem Bett, renn zur Wohnungstür – der Schlüssel steckt. Innen. Ich lasse die Tür offen, renn ins Stiegenhaus, der Aufzug ist nicht im Erdgeschoß, komme wieder zurück in die Wohnung. Nein, das war ein Traum, da war niemand. Oder doch?

An diesem Tag bemerke ich eine Veränderung, und schon bald weiß ich ganz genau, was es ist: Das Gefühl, dass es sie gibt, es ist erloschen. Es gibt sie nicht mehr. Irgendwo, in dieser eisigkalten und erbarmungslosen Welt, da ist sie liegengeblieben. Sie geht nicht mehr weiter. Das Leben mit seinen Irrungen und Wirrungen belangt sie nicht mehr. Und mit ihren letzten Gedanken, mit ihren letzten Gefühlen, da war sie bei dem, der einfach nur für sie da war, sie festgehalten hat, sie nicht weggeschickt hat, bei dem, der bei ihr war, in dessen Armen sie, an dessen Brust sie damals hat friedlich und ohne Angst schlafen können, der einfach nur bei ihr war, damals, in dieser nasskalten Febernacht im Jahre 1999.