Uniformen

Es ist nicht lange her, Ende Mai 2008, da gehe ich mit einem alten Freund in der Nacht spazieren, in der Nähe von Alt-Erlaa, suchen die Kühle abseits des Stadtzentrums, Dunkelheit, Ruhe, das, was ein Grufti eben braucht, um glücklich zu sein, und nicht zuletzt wollen wir anstrengende Arbeitstage hinter uns bringen und eine alte Männerfreundschaft pflegen, die schon seit Kindertagen besteht.

Wir sind nun – so ergibt es sich durch unsere Lebensweisen – zu einem nicht unbedeutenden Teil in Uniformstücke gekleidet: Stiefel, Jacken, Hosen, Gürtel, Socken, und wir gehen im Gleichschritt.

Wir folgen damit einer Norm. Eine Norm ist nicht zu verwechseln mit einer Gewohnheit oder etwas, das einfach nur weit verbreitet ist, eine Norm ist ein – de facto willkürlich – vorgegebener Standard, nach dem man sich aus verschiedenen Gründen ausrichten kann. Die beiden Männer, die sich da durch das Gelände bewegen, haben sich gemäß einer solchen Norm gekleidet. Sie sind sind ähnlich gekleidet und bewegen sich – im Gleichschritt. Wir sind uniform.

Wir begegnen normalen Leuten.

Sie sitzen auf einem Bankel, unterhalten sich, und wir beiden Mannsbilder, wir sind einander tatsächlich sehr ähnlich in unserer Ausrüstung. Aber eines sind wir nicht, wir sind nicht gleich. Die Normalen sind es: Gleiche Kapperln, gleiche Schuhe, gleiche Hosen, gleiche Frisur, gleiche gesunde Solarium-Röte. Ihre Gleichheit hat eine andere Dimension als die unsere.

Auch sie folgen einer Norm.

Wir beiden Männer, die wir da vorbeimarschieren, machen sich die Norm, der wir folgen, zu Nutze; unsere Bekleidung ermöglicht es uns, widrigen Witterungen Stand zu halten, sei es jetzt Hitze oder Kälte, Sand, Dreck, diverse Formen von Niederschlägen, unsere Fußbekleidungen versetzen uns in die Lage, seichte Bäche, Gestrüpp und anderes an unwirtlichem Gelände zu durchschreiten, die Dinger sind saubequem, haltbar, gesund (halten die Füße zu jeder Zeit sauber und trocken) und sind – uniform. Die „Normalen“ hingegen, nun, ihre Normen sind anders gelagert; sie folgen Moden, folgen der Masse der Gesellschaft bzw. der ihres sozialen Biotops,… Welchen Grund hat es? Was nützt es ihnen?

Es ist eine Ironie, in einer Zeit zu leben, in der Uniformierte individualistischer sind als nichtuniformierte Menschen.