Vom Vater zum Sohn

„Mein lieber Sohn: Heute sind die Amazonen beide ein Geschenk für meine Schwiegermutter – äh, 'tschuldige, deine Oma natürlich – einkaufen, das heißt, dass sie vor acht sicher nicht wieder daheim sein werden. Und damit habe ich die unschätzbar wertvolle Gelegenheit, dir ein paar Dinge weiterzugeben, die für das Leben eines Mannes elementar sind. Du bist auf dem Wege, einer zu werden, deswegen lausche in Ehrfurcht deinem Vater. Punkt eins ist ein kleines Wörterbuch Weiblich-Deutsch:

Ja – Nein
Ja – Ja
Ja – Vielleicht
Nein – Ja
Nein – Nein
Nein – Vielleicht
Vielleicht – Ja
Vielleicht – Nein
Vielleicht – Vielleicht“

„Das ergibt keinen Sinn“, meint mein Bub mit einem Achselzucken.

„Sehr gut. Da du das zentrale Grundprinzip weiblichen Denkens verstanden hast, kommen wir zum nächsten Punkt: der Rasur.“ Der Vater marschiert ins Bad, gefolgt von seinem Sohn. „Grundsätzlich gilt: Ein Rasierapparat ist was für Idioten. Ganz egal, was immer dir auch die Werbung von Firmen wie Philips oder Braun einreden will – glaub es ihnen nicht. Rasur ist gleichzusetzen mit Nassrasur. Alles Andere ist Unsinn.“

Mit bedeutungsvoller Geste nehme ich einen Nassrasierer und einen Rasierpinsel in die Hand. „Das sind die Werkzeuge, mit denen du in jungen Jahren den Flaum, und in späteren Jahren die Borsten aus dem Gesicht kriegst, solltest du danach das Bedürfnis verspüren. Der Wunsch, dir einen Vollbart zuzulegen, wird dir – so du mir nachgerätst – etwa bis zum zwanzigsten Lebensjahr sowieso verwehrt bleiben.

Doch zurück zum Thema: Die Theorie besagt, dass es sowas wie Rasierseife gibt. Die gibt es tatsächlich, sie ist sauteuer, dafür trocknet sie dir die Haut aus. Zugegeben, der Schaum ist tatsächlich sehr fein. Aber für deine Zwecke reicht eine bessere handelsübliche Handseife.“ Aufmerksam lauscht mein Sohn den weisen Worten seines Vaters. „Du machst also sowohl Pinsel als auch Seifenstück ein bisserl nass und pinselst solange über die Seife, bis du einen Schaum hast, der dir nicht sofort wieder aus dem Gesicht rinnen wird. Diesen Schaum verteilst du dann auf den zu enthaarenden Stellen und beginnst mit der eigentlichen Rasur. Auch hier gibt es wieder Theorie. Diese besagt, dass du den Rasierer im Strich der Haare bewegst, und nach jedem Strich den Rasierer im vorher entsprechend mit Wasser gefüllten Waschbecken abwäschst.“ „Und die Praxis?“ „Ganz einfach: Du rasierst dich gegen den Strich, das ist wesentlich effektiver, und du pfeifst darauf, dir extra Wasser einzulassen, denn das Waschbecken wird sowieso meistens verdreckt sein, und beim Rasieren ist Hygiene geboten. In Zeiten von Einhandmischern drehst du also kurz das Wasser auf, und wäschst das Klumpert vom Scherkopf runter.“

Interessiert beobachtet mein Sohn, wie ich die entsprechenden Bewegungen vorexerziere – natürlich ohne mich effektiv zu rasieren. „Die Theorie besagt weiters, dass du dich nach dem Duschen oder Baden rasierst, weil die da die Barthaare aufgeweicht sind. Die Praxis sagt, dass du das vorher tust, weil du da nicht Gefahr läufst, dass dir Rasierschaum versehentlich irgendwo hängen bleibt.“ „Und deswegen auch gegen den Strich rasieren, dann ist es wurscht, ob die Haare weich sind oder nicht“, ergänzt mein Bub. „Du hast es erfasst“, lobe ich freudig meinen klugen männlichen Nachwuchs. „Abgesehen davon gibt es irgendwelchen Abschürfungen ein bisschen Zeit, zu verheilen, also irgendwelche kleinen Blutungen, die sollten nach fünf Minuten unter Dusche zumindest einigermaßen von alleine gestillt haben. Trotzdem solltest du ein Rasierwasser verwenden, und hier gilt: Kein Alkohol.“ „Lieber inwendig anwenden?“, fragt mein Bub unsicher. „Nein, vergiss es. Schmeckt nicht und hat jenseits der neunzig Volumsprozente.“ Erleuchtet nickt mein Sohn. Hoffentlich hat er nicht den Schluss gezogen, sein Vater hätte das mit der Nichtverwendbarkeit von Rasierwasser als Rauschmittel in jungen Jahren effektiv ausprobiert. Nicht, dass eine solche Vermutung ganz von der Hand zu weisen wäre, aber es geht ihn nichts an. „Du verwendest keinen Alkohol, sondern das hier.“ Mit diesem Worten überreiche ich ihm ein kleines Flascherl. „Enthält de facto Säuren, ein pH-Wert von etwa 4,5. Ist eine Spur saurer als die Haut, trocknet sie aber nicht aus. Brennen tut es auch… Gehört dir.“ Hoch erfreut nimmt mein Sohn dieses Symbol der Männlichkeit in seine Hände, um es in seiner Lade im Badezimmerkastel zu verfrachten. „Was, wenn meine Schwester das merkt und mich verhintert deswegen?“ „Dann kriegt sie es mit mir zu tun. Und weil du deine Schwester erwähnt hast, kommen wir wieder zum Thema Frauen zurück:

Frauen denken, aber sie denken nicht logisch. Die wichtigste Eigenheit von Frauen ist nun die, dass sie es nicht schaffen, Dinge auseinanderzuhalten, die nicht zusammengehören. Sie sehen Zusammenhänge, die es nicht gibt. Und wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Denk nicht darüber nach; mit Logik kommst du bei Frauen nicht weiter.“ „Wie komm ich denn bei Frauen weiter?“ „Diese Frage“, so spricht sein weiser Vater, „oh mein Sohn, die hat sich vor dir wohl jede Generation von Männern gestellt. Eine Antwort gefunden hat keiner, höchstwahrscheinlich gibt es sie auch garnicht. Denk also nicht weiter darüber nach.

Und an dieser Stelle möchte ich dir etwas sehr Wichtiges beibringen: Sei niemals Sklave einer Frau, aber sei auch niemals ihr Herr. Beides wird dir zum Verderben gereichen, also lass dich niemals unterkriegen, versuch es aber auch bei einer Frau nicht. Das ist der schwierige, aber letzten Endes einzige richtige Weg, zu verhindern, dass du auf irgendeine Art und Weise unter die Räder gerätst.“

Der Bub steht da und denkt nach. Ich denke, er kommt nicht darauf, was damit gemeint ist. Egal, er wird sich das Gesagte merken, und es irgendwann verstehen.

„Was“, so fragt mein Sohn, „unterscheidet uns eigentlich von Frauen? Seelisch, mein ich?“ „Die emotionale Logik.“ Diese Antwort ist prompt gekommen. Doch der Bub kann nichts anfangen damit. Ich werde das genauer ausführen müssen.

„Gehen wir es wissenschaftlich an: Empirisch könntest du ermitteln, was Männer von Frauen grundlegend unterscheidet, indem du alle Männer dieser Welt nimmst und alle Frauen, und schaust, was alle Frauen dieser Welt gemeinsam haben und was alle Männer. Das, was jeder Mann mit jedem anderen Mann gemeinsam hat, aber mit keiner Frau, das wäre dann als typisch männlich ansehbar.“ „Ja“, stimmt mir der Bub zu, „kleinster gemeinsamer Nenner sozusagen. Aber was ist es?“ „Sowas lässt sich schwer in Worte fassen, doch da ich das jetzt tun muss, sage ich es so: Männer funktionieren technisch, Frauen intuitiv. Sowohl Männer als auch Frauen können rational oder irrational sein, wild oder sanft, stark oder schwach. Aber dennoch ist Frauen immer ,intuitiv' und Männer immer ,technisch' dabei, egal, was sie tun. Wenn ein Mann angreift, greift er direkt an, um seinen Gegner zu vernichten, eine Frau möglichst von allen Seiten gleichzeitig. Beide Taktiken sind in sich logisch, beide Taktiken haben ihre Vorteile, beide Taktiken führen zum selben Ziel. Dennoch sind sie grundverschieden. Verstehst du, was ich meine?“

„Nein“, gibt mein Sohn zu, „aber ich werde darüber nachdenken.“ Mit diesen Worten verlässt er das Bad, während ich selber den Rasierpinsel wegräume.

Als die weibliche Hälfte der Familie irgendwann nach acht heimkommt, finden sie die männliche Hälfte vor den Computern sitzend vor, wie sie über's Internet gemeinsam Lightcycles3D gegen irgendwelche Leute aus der restlichen Welt spielen. „Warum habt ihr das Geschirr nicht abgewaschen?“, werde ich gefragt von der Mutter meiner Kinder. „Wir haben es abgewaschen.“ In der Tat haben wir brav den Geschirrspüler angeworfen. „Und warum habt ihr es noch nicht weggeräumt?“ „Weil es noch nicht trocken ist.“ Der Geschirrspüler ist erst vor relativ kurzer Zeit fertig geworden. „Und warum habt ihr es nicht abgetrocknet?“ Was will die bitte mit dem verdammten Geschirr??? Über den Spiel-Chat bekomme ich von meinem Sohn eine Nachricht: „Die haben sich nicht auf ein Geschenk einigen können…“ Ich antworte mit einem dieser altmodischen Text-Smileys, mit einem ;-) und denke: Er hat mich verstanden.