Wüama, Pipihendis, Großväter, und anderes Getier

Ich sitze in der Firma und bin erschöpft. Warum bin ich erschöpft? Ganz einfach: Ich brauche Erholung, ich brauche Urlaub. Urlaub vom Bauernhof. Wie das dazu kommt? Nun, ich fange einmal an, bei, nun, bei Tag eins:

Es ist früh. Sehr früh. Die Sonne ist gerade aufgegangen. Gefährtin und Söhnchen Schlafen. Töchterchen nicht: „IIEH, EIN WUAM“, weckt mich das Quieken der Kleinen auf. I zwinge die Augen auf, und frage mich, was die Kleine denn hat. In der Tat: Durch das angelehnte Fenster hat sich eine grüne Raupe zu uns hineinverirrt und geht jetzt auf dem Holzrahmen des Fensters spazieren. „Aber geh“, bemühe ich eine Phrase, die wohl seit Generationen zum elterlichen Repertoir gehört, „die ist so klein, die fürchtet sich ja mehr vor dir, als du vor ihr.“ „Ahso?“ Ja. Glaub es mir. Und lass mich bitte schlafen. „Du, Wuam“, meint die Kleine zu der Raupe, „hast du Angst?“ Sie nimmt einen Buntstift, und tippt das Tierchen an, das sich daraufhin zusammenrollt und fallen lässt. „Ui, da Wuam hat ja wirklich Angst … aba geh, Wuam, brauchst dich nicht fürchten, ich tu dir ja nix. Magst vielleicht zu deinen Wuam-Freunden gehen? Ich sag dem Papa, er soll dir helfen. Du-u, Pa-pa…?“ Ich bugsiere also die kleine Raupe auf ein Blatt Papier, und aus dem Fenster. „Baba, Wuam“, verabschiedet sich die Kleine von der Raupe, „die Mama hat gesagt, wennst groß wirst, wirst ein Schmetterling.“ Sie überlegt. „Und wenn dich ein Pipihendi frisst, wirst halt ein Ei. Is auch schön.“

Ich liebe meine Kinder. Das sage ich mir immer wieder. Noch dazu, wo es in der Tonart weitergeht. Mein Kleiner wird in den Stall mitgenommen und freut sich über die Kühe. Er mag Kühe. Und die Kühe mögen ihn. Die Mama hat mit der Tochter Löwenzahn gepflückt, schenken es dem Kleinen, und was macht der? Er schenkt weiter. An eine Kuh, und hat überhaupt keine Angst, ihr das saftige Futter ins Maul zu stecken. Die Kuh ist erfreut. Mutter und Schwester sind verärgert.

Ich unterhalte mich mit der Bäuerin darüber, dass er jetzt wohl bald zu gehen anfangen wird, und dass ich und meine Gefährtin uns mit der Hoffnung tragen, seine ersten Schrittchen in den nächsten Tagen zu erleben. Solcherart guten Mutes, soll meine Stimmung aber schnell umschlagen – mein Töchterchen kommt angewuselt: „Pappa, Pappa, stell dir vor … der Opa ist da, und die Oma auch!“ Was?!

An dieser Stelle sei gesagt, dass meine Familie die Familie der Bauern schon seit Generationen kennt, schon mein Großvater ist hier mit meinem Vater auf Urlaub, und bis zum heutigen Tag tut ihm die Umgebung auf der Seele Wohl. Also steht er unverhofft mitsamt meiner Mutter vor uns. „Hallo Bub“, strahlt er mich an. „Du – i hab Urlaub…“ „Isses wirklich so eine Arbeit mit deinem altern Vatern?“ Ich schaue ihn an. Er freut sich trotzdem. Er ist gern hier.

Auf gutes Zureden meiner Mutter hin lasse ich ihn mit dem Kleinen spielen, der ihm die Hendeln zeigt, von denen der Zwerg äußerst fasziniert ist. Der liebt seinen Opa heiß, und ich muss wirklich zugeben, dass sich mein Vater als fürsorglicher und verantwortsbewusster Großvater erwiesen hat. Bis jetzt, zumindest. „Na komm, lauf ihnen nach, denen Piphendi, vielleicht derwischst sogar eins“, ermuntert mein Vater freundlich mein Söhnchen, und – ich traue meinen Augen nicht – der steht tatsächlich auf, quietscht vor Freude, und rennt den Hendeln nach.

Später, beim Mittagessen, ist die Stimmung schlecht. Meine Mutter füttert den kleinen Jäger mit Hendelfleisch, dass die Jungbäuerin liebevoll zubereitet hat. „Hat der Burli das Pipihendi dawürgt, hat der Burli das Pipihendi dawürgt“, bringt meine Mutter den Kleinen zum Lachen, während er immer wieder den Mund aufsperrt, wenn sie ihm ein weiteres Stückerl seiner Beute verfüttert. „Mama, hör bitte auf, der glaubt noch, das ist lustig!“ „Aber! Der ist doch noch so klein, der versteht das doch noch nicht.“ Der Kleine nicht, nein. Der Jungbauer sieht mich böse an, ich sehe meinen Vater böse an, und der schaut schuldbewusst, womit wir den eigentlichen Schuldigen überführt hätten. „Woher hätt ich denn wissen sollen, dass er eines erwischt?“, brummelt der, man merkt ihm aber an, dass ihm die Sache sehr unangenehm ist. „Eigentlich“, meint der Jungbauer, „sollten die des Hendel zahln.“ „Geh, du gib a Ruah“, fährt ihn sein Vater, der Altbauer, an, „du könnterst amol die Mühl richten, des kost vül mehr Göld, du reg di net auf üba a kloanes Kind, des nit woaß, wos tuat!“ Der Jungbauer isst weiter und schweigt. Mein Vater schaut auf. „Mein Bub hat nicht so viel Respekt vor mir“, meint er. „Respekt muss man sich verdienen, Papa“, klärt ihn besagter „Bub“ auf. Mein alter Herr lässt sein Essen stehen, das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben, und verschwindet leise aus der Tür. „Ersten Tag gehen, und schon sein Essen selber fangen. So klein, und schon mehr Jäger als du“, zieht meine Frau mich auf – und trifft damit meinen männlichen Stolz.

Der Altbauer redet mit uns ein bisserl über unsere Familiengeschichte. Er hat meine Familie in ihren schlimmsten Zeiten erlebt, wie mein Großvater stirbt, meine Eltern im Suff versinken, all das. Seine direkte und ehrliche Art ist eine Wohltat. Der Jungbauer geht in die Garage, den Traktor starten, seine Frau in den Keller, Holz für den Ofen herrichten, und die Altbäuerin meint, dass unsere Kleinen in ein paar Jahren wohl Spielgefährten haben werden. „Aber redet nicht mit meinem Buben darüber, dem ist sowas irrsinnig unangenehm.“

Zum Abendessen ist mein Vater nicht da. Wo bleibt er denn, der alte Esel, denke ich mir, jetzt übertreibt er es aber. Wo er bleibt, werden wir beim Abendessen erfahren: Mein Vater, verschwitzt, verdreckt, müde, kommt in die Stube: „Die Mühle geht wieda“, richtet er uns auf, lässt sich in einen Sessel fallen, der Jungbauer springt auf, wie von der Tarantel gestochen, rennt raus, kommt nach einer Viertelstunde wieder, holt den Altbauern, nach einer weiteren halben Stunde sind sie wieder da. „Sauber, sauber“, freut sich der Altbauer. Wir hätten das lieber den Wenzl machen sollen, begehrt der Jungbauer auf, doch der Altbauer verweist ihn darauf, dass „der olte Mechaniker do“ schon Maschinen repariert hat, da war der Wenzl noch nicht einmal auf der Welt… In der Tat: „Die Maschine“, atmet mein Vater immer noch schwer, „is über fuchzig Jahr alt, sowas hab ich zum letzten Mal in meiner Lehrzeit gesehen“, erzählt er, und, dass sich manche Teile nicht mehr ersetzen lassen, weil's die nimmer gibt. Aber so zehn, zwanzig Jahre, meint er, wird das Ding schon noch halten, wie ich's hergerichtet hab. Dann werden aber bestimmte Teile so abgenützt sein, dass sich eine Reparatur nimmer auszahlt und die Maschine ersetzt werden muss. „Aber bis dahin“, atmet er durch, „rennts.“ Der Altbauer nickt respektvoll, einem alten Mechaniker kannst nix erzählen, und der Jungbauer geht extra in den Keller, für's Warmwasser einheizen, damit der Alte sich duschen kann, während sich mein Söhnchen – immer sicherer auf den eigenen zwei Füßerln werdend – sich die Reste seiner, nun, seiner Jagdbeute einverleibt.

Und das lässt mir keine Ruhe.

Ein paar Tage später – ich kenne natürlich auch den örtlichen Jäger – bin ich nicht zum Frühstück da, und der Vormittag sieht einen ranken, schlanken Mann in einer abgewetzten schwarzen Uniform, ein Tuch auf den Kopf gebunden, der über die Schotterstraße zum Bauernhof kommt, und – eine Wildsau auf den Schultern trägt. Ich werfe das Gewicht nach hinten ab, und meine Gefährtin geht um mich herum, meine Jagdbeute begutachten. „Ah“, meint der hinzugekommene Altbauer grinsend, „des is größa ols a Hendl…“ „Ah“, meint der Altbauer, wir lassen die anderen Sachen jetzt einmal bleiben, jetzt zerlegen wir einmal eine Wildsau, und staunend sehen meine Kinder, woher das Fleisch denn eigentlich herkommt, das sie in so großen Mengen zu vertilgen pflegen.

Und so sitze ich also hier, in meiner Firma, und mein Chef gibt mir eine Woche leichten Dienst. Denn wenn er auch kein Verständnis für eine ganze Reihe von Eskapaden hat, eine Frau beeindrucken, vor allem die eigene, nun, das ist eine Ausnahme. Ich darf sogar zum Masseur in meiner Dienstzeit, denn eines sagt mir mein Chef auch ganz deutlich: Meine Frau darf nie erfahren, dass mir die Sau eigentlich viel zu schwer war.